Das letzte Netz

Seit sechs Jahren gibt es in Innsbruck mit Medcare eine Anlaufstelle für niederschwellige medizinische Basisversorgung. Das Gemeinschaftsprojekt der Caritas und des Roten Kreuzes bietet seit Herbst 2013 Menschen ohne Versicherungsschutz eine Möglichkeit, sich ärztlich behandeln zu lassen. Dieses Angebot haben seither 1324 Menschen aus 59 Nationen angenommen und wurden insgesamt 5972 Mal medizinisch betreut.

Das österreichische Gesundheitssystem ist grundsätzlich ein relativ gutes. Nahezu die gesamte Bevölkerung hat dank des Versicherungsschutzes Zugang dazu. Dennoch gibt es Lücken im Versorgungsnetz, durch die Menschen in prekären Lebensverhältnissen, insbesondere aber bei psychischen Erkrankungen und Suchterkrankungen fallen können. Besonders prekär ist die Situation allerdings für Migrant*innen, die nicht erwerbstätig sind und noch nicht ausreichend lange hier leben oder ihren dauerhaften Aufenthaltsort nicht nachweisen können. Asylwerber*innen in der Bundesbetreuung können ihren Versicherungsschutz durch einen nicht beantragten Wohnortwechsels verlieren.

Während österreichische Staatsbürger*innen meist relativ leicht wieder zu einem Versicherungsschutz kommen, sobald die nötigen Anträge gestellt werden, ist die Erlangung eines Versicherungsschutzes für Migrant*innen oft weitaus schwieriger. Dem nötigen Lückenschluss in diesem Bereich steht der unsolidarische „Sozialtourismus“-Diskurs im Wege. Dabei ist medizinische Versorgung kein Luxus, sondern ein Grundrecht und gerade ein reiches Land wie Österreich kann es sich spielend leisten, allen Menschen, die sich hier aufhalten, den Zugang zu diesem Grundrecht ohne Wenn und Aber zu garantieren.

Umso wichtiger sind daher soziale Projekte, die einen Zugang zur medizinischen Basisversorgung auch für all diejenigen gewährleisten, die nicht krankenversichert sind. In Innsbruck wird diese wichtige Aufgabe von Medcare erfüllt. Mit den Notschlafstellen, dem Vinzibus und anderen sozialen Einrichtungen für Obdachlose ist Medcare ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Sozialsystems. Diese Einrichtungen stellen das letzte Netz dar, das diejenigen auffängt, die durch die Lücken der anderen Netze gefallen sind.

Dennoch machen diese Einrichtungen einen Mangel deutlich: Nicht alle Menschen, die es brauchen, haben Zugang zu den grundlegenden Leistungen unseres herkömmlichen Sozialsystems. Menschen ohne Krankenversicherung sind zudem oftmals kränker, da nicht versicherte Personen medizinische Behandlungen erst sehr spät in Anspruch nehmen. Das ist letztlich auch mit größeren Kosten verbunden, die die öffentliche Hand letztlich doch irgendwann schultern muss. So wie Housing first die sozialen Folgekosten von Wohnungslosigkeit beheben kann, wäre auch ein bedingungsloser Versicherungsschutz für alle wohl letztlich billiger. Zudem sollten die Krankenkassen auch die Kostenübernahme für die Psychotherapie endlich in den Leistungskatalog aufnehmen. Im eigenen Interesse: Arbeitsunfähigkeit hat oft auch psychische Ursachen wie Burnout etc. Modellplätze gibt es bereits, aber das ist zu wenig.

Erfreulich ist jedenfalls, dass ein Projekt wie Medcare von der Stadt Innsbruck, dem Land Tirol und der Tiroler Gebietskrankenkasse unterstützt wird. Daraus wird ersichtlich, dass Stadt, Land und die TGKK einen Beitrag zu einer möglichst lückenlosen Gesundheitsversorgung leisten. Dennoch wäre hier noch weitaus mehr zu tun. Der Aufbau von Primärversorgungszentren kommt nicht in die Gänge. Dabei liegen die Vorteile einer stärkeren Vernetzung der Primärversorgung auf der Hand. Der Aufbau einer wohnortnahen, sozialraumorientierten und interdisziplinären Gesundheitsversorgung für alle ist längst überfällig. Die Voraussetzungen dafür sind prinzipiell gut. Es gibt aber noch einiges zu tun. Medcare ist hier in gewisser Weise Vorreiter, da dort neben Arzt*innen, Sanitäter*innen und Pfleger*innen auch Sozialarbeiter*innen tätig sind, und kann zu Recht von sich behaupten, ein „zeitgemäßes Signal für die unverzichtbare und sinnvolle Kooperationsstrategie zwischen Sozial- und Gesundheitsbereich“ zu sein. Der Großteil der dort geleisteten Arbeit passiert übrigens ehrenamtlich. Dafür gebührt den dort tätigen Leuten Respekt und Dank. Dennoch müsste diese unendlich wichtige Arbeit eigentlich bezahlt werden.

Roland Steixner

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