Die Gentrifizierung der Bogenmeile auf Kosten von Umwelt und Steuergeld

Das Gesamtbild eines Puzzles ergibt meist erst dann Sinn, wenn man mehrere Puzzleteile zusammengefügt hat. Und so verhält sich das auch mit der Kommunalpolitik und ihren Bestrebungen in der Stadtentwicklung. Erhält man nur ein Teil des Puzzles, so ergibt das meist noch wenig Sinn. Doch in der Zusammenschau aller Informationen ergibt sich dann ein Bild, das man vielleicht so gar nie zusammensetzen wollte.

Im Oktober 2018 legte der Stadtsenat dem Gemeinderat einen Akt zur Abstimmung vor. Er empfahl der Stadt Innsbruck das Land Tirol und die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) bei der Errichtung einer S-Bahnstelle am Standort gegenüber der Messe zu unterstützen. Im Akt hieß es wortwörtlich:

Projekt S-Bahn-Haltestelle „Innsbruck Messe – Saggen“:
Es ist im Bereich der Viaduktbögen 79 – 88 die Errichtung zweier Randbahnsteige inklusive Bahnsteigausrüstung und Bahnsteigzugänge mit einer Länge von 220 m in Hochlage mit barrierefreier Ausstattung in Form von je einem Personenlift auf jedem Bahnsteig geplant. Die Bahnsteige sollen im Wartebereich überdacht und mit Beschallung, Beleuchtung und Informationssystemen ausgestattet werden.
Baubeginn dieses Bauvorhabens ist mit Mai 2019 geplant. Voraussichtliche Fertigstellung ist im Dezember 2020.

Nun ist September 2020 und vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass in der Baumallee etwas weiter nördlich 12 alte, großgewachsene Bäume gefällt werden sollen. Weitere Aktenrecherchen ergaben nun, dass der Stadtsenat diesen Baumfällungen in seiner letzten Sitzung zugestimmt hatte.

Im Beschluss des Stadtsenates war nachzulesen, dass die ÖBB im Bereich der Viaduktbögen 91 bis 102 die Errichtung der S-Bahnhaltestelle Messe planen und, dass die Bäume gefällt werden müssen, weil den ÖBB sonst Baustellen-Mehrkosten von 1,5 Millionen Euro und eine Zeitverzögerung erwachsen würden. Der Erhalt der 12 Bäume, welche auf Stadtgrund (Gst 1230 KG 81113) stehen, sei daher praktisch ausgeschlossen.

Obacht! Da stimmt doch etwas nicht! War im Oktober 2018 nicht davon die Rede, dass die Haltestelle auf Höhe der Viaduktbögen 79 bis 88 errichtet werden sollte? Warum müssen nun im Jahr 2020 weiter nördlich die Bäume fallen und warum ist die Haltestelle nun plötzlich für Viaduktbogen 91 bis 102 geplant?

Der Bereich rund um die Messe im Stadtteil Saggen in Innsbruck
(Bild: google maps, bearbeitet)

Direkt vor dem Haupteingang der Innsbrucker Messe liegt ein kleiner Park, der demnächst in ein „cool-Inn“ Projekt umgewandelt werden soll. Die grüne Vizebürgermeisterin Uschi Schwarzl geht davon aus, dass der Platz durch die neue S-Bahnhaltestelle belebter sein wird und es urbane „Kühlungsprojekte“ für die Stadt in Zeiten des Klimawandels brauche. Das Projekt verliert allerdings in den Augen umweltbewusster Menschen deutlich an Sinnhaftigkeit, wenn man bedenkt, dass wenige Meter weiter 12 große, schattenspendende Kastanienbäume gefällt werden sollen um überhaupt die Haltestelle ausbauen zu können. Und dann pumpt man kostbares Wasser in die Umgebungsluft um diese dann wieder abzukühlen. Das mutet wie ein Schildbürgerstreich an.

Wie es der Zufall will, soferne man an Zufälle glaubt, planen die ÖBB parallel zum Haltestellenbau auch den Umbau und die Erweiterung zweier großer Häuser mit Bahnwohnungen genau gegenüber der Viaduktbögen 91 bis 102. Wie praktisch, dass sie von der Stadtregierung dabei durch die Fällung des alten, lästigen Baumbestandes unterstützt werden. Die generalsanierten und neuen Wohnungen werden bedingt durch die vorangetriebene Gentrifizierung jedenfalls nach den Baumaßnahmen nicht mehr so günstig für die MieterInnen sein wie sie es bisher waren.

Gentrifizierung ist die Aufwertung eines Stadtteils durch dessen Sanierung oder Umbau mit der Folge, dass die dort ansässige Bevölkerung durch wohlhabendere Bevölkerungsschichten verdrängt wird.

Interessant ist, dass die ÖBB aktuell mehrere Bögen zur Vermietung ausgeschrieben haben, wohl weil sie gemäß dem Projektplan aus dem Jahr 2018 in dem ursprünglich angedachten Bereich (Viaduktbogen 79-88) liegen und wegen des Haltestellenprojektes leerstehend gehalten wurden. Nachtlokale werden darin aber keine mehr zu finden sein, denn die ÖBB haben bereits vor einem Jahr verlautbart, dass die Vermietung der in Bahnbesitz befindlichen Viaduktbögen künftig nicht mehr an die „Nachtgastronomie“ erfolgen werde und, dass man keine allzu späten Schließzeiten der Gewerbebetriebe mehr wünsche. Und die Stadt Innsbruck unterstützt diesen Schritt zur „Attraktivierung“ der Bogenmeile durch hellere Beleuchtungsmaßnahmen und stärkere Videüberwachung.

Auch im Gebäude der Bundesbahndirektion in der Claudiastraße wurde in den letzten Jahren immer wieder saniert und umgebaut. Die ÖBB sind verpflichtet den denkmalgeschützten Prunkbau zu erhalten, den sie einst von der Stadt Innsbruck als Schenkung erhielten. Die ÖBB dürfen das Gebäude nicht veräußern, sonst fällt es an die Stadt zurück. Der Schenkungsvertrag schließt jedoch nicht aus, dass die ÖBB ihr Verwaltungsgebäude irgendwann allerdings einer anderen Nutzung zuführen.

Zitat des ÖBB-Konzerns: „Wir sind bestrebt, das denkmalgeschützte Gebäude – immer in enger Abstimmung mit dem Denkmalamt – so zu erneuern, so dass die ehemalige Bundesbahndirektion nach außen das architektonische Schmuckstück des Stadtteiles Saggen wird…“

Auf Seite 48 des Koalitionsabkommens der Stadtregierung für die Jahre 2018 bis 2024 wird festgehalten, dass es auch Bestrebungen gibt die Bereiche rund um das Zeughaus und das Sieben-Kapellen-Areal neu zu gestalten. Die Bereiche Saggen und Dreiheiligen sollen also rundherum erneuert werden. An sich ist das nicht schlecht, wenn den Bestrebungen nicht ein Gentrifizierungseffekt innewohnen würde. Das Wohnen in solchen „attraktivierten Stadtbereichen“ wird üblicherweise teurer, vor allem solange eine Kommune sich noch keine Regulierungswerkzeuge gegen die kletternden Mietpreise und Wohnungsleerstände angeeignet hat.

Die Alternative Liste (ALI) beobachtet diese Entwicklungen mit wachsender Sorge. Es ist unumgänglich, dass Kommunen vom Bund endlich die Möglichkeit erhalten, Mietzinsobergrenzen zu regulieren, sonst wird sich aufgrund der zunehmenden, städteplanerischen „Attraktivierung“ verschiedener Stadtteile dort bald niemand mehr eine Wohnung leisten können. Außerdem kritisiert ALI, dass der Gemeinderat nicht über die Veränderungen der Lage und Dimension des Haltestellenprojektes informiert wurde. Wäre von Anfang an bekannt gewesen, dass 12 alte, gutgewachsene Bäume gefällt werden sollten, so hätten viele Fraktionen dem Bauvorhaben wohl nicht zugestimmt.

Autorin: Irene Labner

ALI Gemeinderat Mesut Onay bei der Baumallee, die bald gefällt werden soll.

1 Kommentar zu „Die Gentrifizierung der Bogenmeile auf Kosten von Umwelt und Steuergeld

  • Ist doch immer das Selbe. Zuerst ein relativ guter Plan. Dann wird im Hinterstübchen nach „besseren“ Lösungen gesucht. Wobei das nicht besser sein muss, sonder mehr Ertrag in die Pleiten-Kasse bringt, das auf Kosten der Leute die sich dann dort die Wohnungen nicht mehr leisten kann. Dann schnell noch von den Grünen Baumfäll Speziallisten ein paar erhaltenswerte Bäume abgesägt. Zwischendurch eine Frage: Warum gibt es in einer Demokratie geheime Abstimmungen? Ersetzt wohl öffentliche Aushänge! Also bevor sie öffentlich ist. Dynn ein EINSTIMMIGER Stadtratsbeschluss, fertig. Schon ist wieder ein Stadtteil um das beraubt worden was ihn liebenswert macht. Schaut man sich Innsbruck mal genauer an, möglich von oben, dann sieht man welches Verbrechen an Innsbruck Gebäudebestands verbrochen wurde. Und es geht weiter so ……..

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