Das Humankapital – oder das bedenkliche Menschenbild neoliberaler Bildungspolitik

„Mir war das Öffnen der Schulen ein tiefes Anliegen, damit es nicht zu einem Humankapitalverlust großen Ausmaßes kommt“, hatte Bildungsminister Faßmann gestern im Morgenjournal auf Ö1 gesagt. Damit zeigt er, was Kinder im Bildungswesen heute sind. Produkte. Produkte, die hergestellt, vermessen, getestet, geprüft, verarbeitet, kontrolliert, untersucht, unter die Lupe genommen, begutachtet, analysiert, zerlegt, erprobt, inspiziert, revidiert und evaluiert werden können. Damit hat er unweigerlich viel über den Zustand des Bildungssystems hierzulande und noch mehr über neoliberal-kapitalistische Bildungspolitik verraten.

Die Reformen greifen – die Kompetenzorientierung hat gesiegt. Seit Jahren geht nämlich ein Gespenst um in den Schulen, aber auch den Universitäten. Schule wird im besten Fall zur Geisterstunde, im schlimmsten Fall zum Zuchthaus. Was heute unter Bildung verstanden wird, ist ein Gespenst, das nicht um Mitternacht, sondern zur besten Unterrichtszeit sein Unwesen treibt. Historisch gesehen kommt nämlich der Kompetenzbegriff nicht etwa aus der Pädagogik oder den Bildungswissenschaften, sondern aus der Ökonomie. Die ersten Kompetenzmessungsmodelle wurden mit dem Ziel entwickelt, Prüfungsverfahren für die unterschiedlichsten Fähigkeiten, Fertigkeiten und Persönlichkeitsmerkmale von Menschen zu gewinnen, um deren Einsatz für Unternehmen zu optimieren.

In die Pädagogik übertragen machte der Begriff Karriere und entfaltete durch die OECD seine Wirkmächtigkeit. Kompetenz, wie sie Weinert definiert, umfasst „die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können.“ Es geht nicht nur um die Vermittlung von Fähigkeiten und Fertigkeiten – von Wissen, Erkenntnis und Neugier ist ohnehin nicht mehr die Rede –, sondern auch um Bereitschaften, also Haltungen.

Interessant an dieser pädagogischen Wende, ist zweierlei. Zum einen steht die Problemlösung von bereits vorgefertigten Problemen im Fokus. Probleme, die einen fixen und nur einen möglichen Lösungsweg haben. Kreative Lösungen, die ebenso zum Ergebnis oder sogar zu einem besseren Ergebnis führen, sind nicht erwünscht. Schüler*innen werden zu sprichwörtlichen Ratten im Problemkäfig. Zum zweiten kann diese Bildung gemessen werden, und zwar in unendlich zerstückelten, vielfältig untergeordneten Teilkompetenzen.

Der für die Schweiz vorgelegte Lehrplan 21 brachte es für die Grundschule angeblich auf 4500 Kompetenzen, die entwickelt, geübt, getestet, überprüft und angewandt werden sollen. Das geht natürlich nur, wenn noch jede Selbstverständlichkeit als Kompetenz gewertet und bewertet wird und stimmige Lern- und Kommunikationsprozesse bis zur Unkenntlichkeit zergliedert und isoliert werden. Dass Schüler*innen „ihre Aufmerksamkeit auf sprechende Personen richten können“, wird dann gleich zu einer Kompetenz hochstilisiert. Und die Folge davon: Schüler*innen stehen unter Druck, denn sie werden konstant vermessen, getestet, geprüft, verarbeitet, kontrolliert, untersucht, unter die Lupe genommen, begutachtet, analysiert, zerlegt, erprobt, inspiziert, revidiert und evaluiert. Mit dieser scheinbaren Objektivität zieht jedoch das Gegenteil in die Schulen ein: die reine Beliebigkeit von Inhalten.

Das kontextfreie Faktenwissen ist zum Unwort geworden; der eigentlich gebildete Mensch, wie Liessmann es ausdrückt, wird zur Provokation, denn er konfrontiert den nicht-gebildeten, mit dem was zu wissen oder zu lesen gewesen wäre. Situations- und intentionsadäquat müssen etwa die kompetenzorientierten Fragestellungen der Reifeprüfung sein, Kenntnisse, die nicht zur Lösung eines Problems beitragen, gelten als unangemessen und verzichtbar. Dass solch eine Entwertung des Wissens in einem Zusammenhang steht mit dem seit einiger Zeit gerne beklagten postfaktischen Zeitalter, fällt denjenigen, die bislang alles für eine soziale Konstruktion hielten und nun die empirische Wahrheit neu für sich entdecken, gar nicht mehr auf.

Damit aber ist der Punkt erreicht, an dem die Kompetenzorientierung tatsächlich in eine Negation jedes verbindlichen Wissens umschlägt. Denn all die geforderten Kompetenzen lassen sich an jedem beliebigen Gegenstand erwerben, Reflektieren und Analysieren kann man alles Mögliche, dazu bedarf es keiner spezifischen fachlichen Inhalte. Kein*e Deutschlehrer*in verstieße gegen die Idee der Kompetenzorientierung, die ein Jahr lang Deutsch unterrichtete, ohne dass der Name eines/r Schriftsteller*in fiele, ein Buch zitiert würde, eine Literaturtheorie Erwähnung fände, und natürlich müsste auch kein Text gelesen werden.

Nach einigen Jahren kompetenzorientierten Unterrichts werden auch die größten Namen der Philosophie, die bedeutendsten Werke der Weltliteratur, die wichtigsten Gestalten der Geschichte zu Fremdwörtern geworden sein. Es ist wie Geschichtsunterricht ohne den Zweiten Weltkrieg, Deutsch ohne Goethe und Mathematik ohne Zahlen. Es wird also nur noch gelehrt und gelernt, was nützt. Sogar die Insassen im Zuchthaus Schule stellen mittlerweile nur noch die Nutzenfrage. Ein bekannter Tweet aus dem Jahr 2015 beschwerte sich etwa über Folgendes: „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“ Es wird also an Schulen doch noch etwas gelehrt, das nicht unmittelbar nützt! Heureka!

Dass an Schulen nicht das gelernt wird, was man zum Leben so braucht, ist allerdings ein Vorwurf, der pädagogische Einrichtungen seit der Antike begleitet. Nur lernen, was man auch sofort anwenden kann? Nur lernen, was nützt? Nur lernen, was der eigenen Situation und Bedürfnislage entspricht? Ist es das, was wir unter Bildung verstehen wollen? Und liegt das Problem nicht darin, dass Bildung ohnehin seit langem eher an den Erfordernissen der Märkte und den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen als an vermeintlich antiquierten Inhalten und angeblich unbrauchbaren Kenntnissen gemessen wird? Trug dieser Tweet nicht Eulen nach Athen?

Nutzloses Wissen, kennzeichnet den Gebildeten – und das ist von Übel für den Nichtgebildeten. Also machen wir alle gleich messbar, alle gleich vermessbar, alle gleich verwertbar und alle gleich austauschbar. Und auch Schulen sollen mehr wie Unternehmen geführt werden. Hire and Fire, der Lehrkörper als Management, ein Ranking von guten und schlechten Schulen nach fadenscheinigen Kriterien.

Das erinnert doch schon sehr an einen Marxvergleich, der so in etwa gesagt hat, dass die Schule wie eine Wurstfabrik funktioniert und die Kinderköpfe die Würste sind. Aber wenn Schule heute schon etwas produziert, dann ist es eine Zombiearmee. Der Zombie zählt nicht unbedingt zur geistigen Elite – oder kennt ihr den Film „Interview mit einem Zombie“? Wozu was wissen, wenn man es doch googlen kann, wozu etwas googlen, wenn es doch eh keiner weiß? Die Zombies haben Recht: Erst kommt das Fressen, dann kommt der Brecht. Zombies sind die Utopie der postmodernen, neoliberalen Menschheit. Eine freudige Konsumgemeinschaft kosmopolitischer Weltenbummler. Sie leben den Posthumanismus für sich entdeckt: Keine Krankheit, kein Tod, kein Unterschied zwischen Religion oder Herkunft. Da ist jede nur sie selbst. Ein Zombie meistert zudem die Widersprüche der neoliberalen Arbeitswelt. Er denkt nur an sich und bleibt dabei in der Herde. Er ist Teamplayer mit Eigeninitiative. Er ist flexibel, fokussiert, ehrgeizig, aber nicht verbissen. Zombies blicken nicht zurück. Da war früher nicht alles besser. Zombies sind keine Kulturpessimisten. Zombies gehen voran, egal warum.

Das ist Fortschrittsglaube. „Friss, oder stirb oder halt nicht. Lauf im Kreis. Bleib an einem Zaunpfahl hängen. Wir sind da ganz tolerant.“ Unter Zombies gibt es auch die verschiedensten Individuen. Mann, Frau, ohne Arm oder Bein. Ist man dann so herrlich individuell, entsteht der schönste Konformismus. Es ist wie die Regenbogenflagge, wenn man alle Farben mischt. Zombies kennen keine Hierarchien, niemand der für andere spricht, weil überhaupt niemand mehr spricht. Das leistet die Schule der Gegenwart. Sie erzieht Kinder zu konformen Zombies und züchtet sie verwertbar als kleine Rädchen der Wirtschaft zurecht. Die Schule ein Unternehmen, wer hätt’s gedacht?

Photo by Tonny Tran on Unsplash

Autor: Thomas Hörl

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