Immobilienprojekt in Amraserstraße – Widerstand macht sich breit

Der Bauboom in Innsbruck ist ungebrochen. Bauausschuss und Gemeinderat befassen sich nicht nur mit öffentlichen Bauvorhaben, sondern auch mit privaten. Der Gemeinderat hätte die Aufgabe, sicherzustellen, dass die Interessen der Menschen, die in Innsbruck leben, nicht vom Profitstreben einiger weniger überfahren werden. Ob er dieser Aufgabe immer gerecht wird, steht auf einem anderen Blatt Papier.

Ein solches Bauvorhaben wurde dem Innsbrucker Gemeinderat am 29.01.2020 vorgelegt. Es handelt sich dabei um ein Projekt in der Amraserstraße, genauer gesagt auf der südlichen Seite des Gebiets Gumppstraße – Pradlerstraße – Amraserstraße. Dieses ist an der Nord- und Ostseite von gründerzeitlicher Blockrandbebauung geprägt, während die Bebauung an der Südseite (Amraser-Straße) unvollständig ist. Bereits das in den 1980er-Jahren errichtete Gaggenau-Haus ragt in den Innenhof hinein. Auch ansonsten ist der Innenhof bereits jetzt großteils versiegelt und mit niedrigen Werksgebäuden bebaut. Zugegeben, der Innenhof hat Verbesserungspotiential. Doch ob das geplante Bauprojekt der Panorama Plus Immobilien GmbH dazu beiträgt, darf bezweifelt werden.

Dieses Bestandsgebäude soll einem Hochhaus mit zehn Geschoßen weichen.
An die Feuerschutzwand des Gaggenau-Hauses (im Hintergrund) soll der kleinere der beiden geplanten Baukörper, der immerhin bis zu acht Geschoße umfasst, anschließen und die Werksgebäude (im Vordergrund) ersetzen. Die Innenhofbebauung wird somit höher sein als die Blockrandbebauung im Norden (Gumppstraße) und Osten (Pradlerstraße).

Realisiert werden sollen zwei voneinander getrennte Baukörper mit rund 130 Wohnungen und ebenerdigen Veranstaltungsräumen, Seminarräumen und Büros. Der größere ist an der Ecke Amraserstraße – Pradlerstraße geplant und soll vier bis zehn Geschoße aufweisen. Der kleinere Baukörper ist als Fortsetzung des Gaggenau-Hauses geplant und soll ein bis acht Geschoße aufweisen. Der Plan sieht zwischen diesen Gebäuden eine Passage vor, die einen Durchgang bis zur Pradlerstraße bietet und der bislang nicht bestand. Auf den Plänen sieht das Projekt auf den ersten Blick recht hübsch aus. Einige der bislang oberirdischen Stellplatzflächen werden nun optisch begrünt und durch hübsche „Architektenbäume“ aufgewertet. Auch an einen Spielplatz und an Gemeinschaftsgärten wurde gedacht. Ja sogar ein „Nachbarschaftsplatz“ ist geplant. Mitten im Durchgangsbereich zur Pradlerstraße allerdings.

Die beiden geplanten Baukörper drohen den Anrainer*innen die Sicht zu verstellen. Ein neu geschaffener Durchgang durch den Hof in die Pradlerstraße stellt ebenfalls eine Beeinträchtigung der Wohnqualität dar.

Doch der Teufel des Bauprojekts liegt im Detail. Zahlreiche Anrainer*innen befürchten – nicht zu Unrecht – dass die beiden geplanten Baukörper ihnen das Licht nehmen könnten. Denn wie aus den Plänen ersichtlich ist, werden durch die konzipierten Baukörper insbesondere die unteren Geschosse der Gebäude in der südlichen Pradlerstraße massiv beschattet. Außerdem wird eine Passage geschaffen, die es so bislang nicht gibt und dadurch eine Frequentierung des Innenbereichs durch hausfremde Personen begünstigt. Ein Veranstaltungszentrum mag zwar im besten Fall belebend für den Stadtteil sein, erzeugt aber neue Nutzungskonflikte. Außerdem befürchten die Anwohner*innen, dass die Entlüftung der dreigeschoßigen Tiefgarage mit rund 170 Stellplätzen über den Innenhof erfolgen und so die Luft- und Lebensqualität zusätzlich beeinträchtigen könnte.

Anrainer*innen befürchten eine Entlüftung der Tiefgarage über den Innenhof und eine Minderung der Aufenthaltsqualität in ihren Gärten.
Ein hohes Gebäude an dieser Stelle hat massive Auswirkungen auf die Lebensqualität der Anwohner*innen.
Auch nach Süden hin wird es für die unteren Parteien in der Pradlerstraße stärkere Beschattung geben.

Die Anwohner*innen halten in ihren Stellungnahmen ganz klar fest, dass sie sehr wohl für eine Nachverdichtung zur Schaffung von Wohnraum Verständnis hätten. Ihr wesentliches Anliegen besteht jedoch darin, dass die Höhe der Bauköper reduziert wird und die „aus stadtplanerischer Sicht sehr begrüßenswerte Belebung der Sockelzone“ nicht zulasten ihrer Wohn- und Lebensqualität geht.

Hier soll ein bislang nicht bestehender Durchgang zur Pradlerstraße entstehen. Anrainer*innen befürchten eine starke Frequentierung aufgrund der geplanten Veranstaltungsräume.

Mit anderen Worten: Geht es nicht auch eine Nummer kleiner? Mit Sicherheit wäre das möglich. Das Projekt könnte so umgestaltet werden, dass auf die Anliegen und Bedürfnisse der Anwohner*innen mehr Rücksicht genommen wird. Doch für die Immobilienfirma ist dieses Bauprojekt ein gutes Geschäft.

Mit der Ruhe könnte es bald vorbei sein…
…und Licht könnte auch bald weniger werden.

Von der realisierten Gesamtnutzfläche erhält die Stadt lediglich einen relativ geringen Anteil zu begünstigten Konditionen für förderungsnahen Wohnbau. Konkret handelt es sich bei vergleichbaren Projekten meist um Wohnungen, die der private Bauträger zu einem Preis zwischen 3000 und 4000 Euro pro Quadratmeter an die IIG verkauft. Zu welchen Konditionen die IIG diese Wohnungen erwerben soll und wie sie vergeben werden, wird sich noch herausstellen. Wenn jedoch von „förderungsnahem Wohnbau“ die Rede ist, so steht fest, dass der Quadratmeterpreis die angemessenen Gesamtbaukosten für den geförderten Wohnbau übersteigt. Auch diese Wohnungen sind also nicht ganz geschenkt. Meist sichert sich die Stadt bei Projekten, für die eine Bebauungsplanänderung nötig ist, etwa ein Viertel der Gesamtnutzfläche. So etwa geschehen beim Gasthaus Prugger in der Höttinger Au. Auch das ist nicht gerade üppig. Der Rest wird aktuell zu rund 6000 Euro und mehr pro Quadratmeter auf dem Markt angeboten. Da kann kaum noch jemand mithalten. Es handelt sich in erster Linie um ein Anlageprojekt, wie auch aus der Verkaufsbroschüre eindeutig hervorgeht.

Wenn der private Bauträger aber zusätzlich noch einen Flächenwidmungsplan benötigt, dann sollte er im Gegenzug einen noch höheren Anteil an gefördertem Wohnbau ermöglichen, möchte mensch jedenfalls meinen. Dass die im Arbeitsübereinkommen der Innsbrucker Stadtregierung vereinbarte Formel 50:30:20 (50 Prozent geförderter Wohnbau, 30 Prozent förderungsnaher Wohnbau und 20 Prozent freifinanzierter Wohnbau) für die Neuwidmung privater Grundstücke hier zur Anwendung kommt, war angesichts des mäßigen Verhandlungsgeschicks der Verantwortlichen ohnehin nicht zu erwarten. Diese konnte nicht einmal beim Zeughausareal im Grundstückstauschgeschäft mit der ARE (Austrian Real Estate) realisiert werden, sondern lediglich 30:20:50. Dennoch ist das Verhandlungsergebnis ziemlich enttäuschend. Offenkundig gibt es im Innsbrucker Bauausschuss für die Änderung von Flächenwidmungs- und Bebauungsplänen eine Rabattaktion für besonders lukrative Bauprojekte: Nur 12,5 Prozent der Gesamtnutzfläche sollen dem förderungsnahen Wohnbau bei diesem geplanten Projekt zur Verfügung gestellt werden. Damit liegt der Anteil an förderungsnahem Wohnraum fast schon in der Größenordnung des ZIMA-Projekts am Westbahnhof.

„Anleger, Singles, Pärchen, Familien und Penthouseliebhaber haben die Möglichkeit, sich ihren Wohntraum zu erfüllen.“ heißt es in einem Ankündigungstext zum Immobilienprojekt der Panorama Plus Immobilien GmbH. Anleger*innen und Penthouseliebhaber*innen sind also das A und O der Personengruppen, für die hier gebaut wird. Die meisten Menschen können sich dagegen den Einzug in diese Wohnungen ohnehin nicht leisten und gehen leer aus. Die Anrainer*innen müssen dagegen befürchten, dass ihre Wohnqualität massiv beeinträchtigt wird. Der Immobilienentwickler macht hingegen ordentlich Profit.

Innenhofimpressionen

In der Gemeinderatssitzung Ende Jänner hat die Alternative Liste Innsbruck als einzige Gemeinderatsfraktion gegen dieses Bauvorhaben gestimmt, weil hier der öffentliche Mehrwert des Projekts nicht erkennbar war und auch weiterhin nicht ist.

Gemeinderat Onay im Gespräch mit den Anrainer*innen. Im Hintergrund die Feuerschutzwand des Gaggenau-Hauses.

In den Gesprächen mit den Anrainer*innen kristallisierten sich insgesamt drei wesentliche Kritikpunkte an diesem Projekt heraus:

  • Beeinträchtigung der Wohnqualität: Die geplanten Gebäude beeinträchtigen die Lichtzufuhr in den Innenhof. Eine niedrigere Bebauung wäre bereits eine spürbare Verbesserung der Lebensqualität. Es ist zudem dringend sicherzustellen, dass die Tiefgarage nicht direkt in den Innenhof entlüftet wird.
  • Drohende Nutzungskonflikte: Die Veranstaltungsräume mögen zwar eine Belebung dieses Stadtteils sein, aber auf Kosten des Ruhebedürfnisses der Anrainer*innen. Daher muss auch hier auf die Bedürfnisse der Anwohnerinnen Rücksicht genommen werden. Schon der Verzicht auf die direkte Passage zwischen Amraserstraße und Pradlerstraße würde zu einer Beruhigung des Innenhofs beitragen.
  • Schaffung von Betongold: Hier entsteht nicht der dringend benötigte Wohnraum zu bezahlbaren Preisen, sondern Anlegerwohnungen und Penthousewohnungen. Die Stadt hätte sich einen höheren Anteil an geförderten und förderungsnahen Wohnungen an der Gesamtnutzfläche sichern müssen.

Die Anrainer*innen wollen jedenfalls nicht klein beigeben und die Hände in den Schoß legen. Sie haben auch eine Petition gestartet, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Die Alternative Liste Innsbruck wird sie nach Kräften unterstützen. Denn es ist Zeit, dass sich die Menschen in der Stadt mehr und mehr vernetzen, um sich gegen die Zumutungen der Immobilienbranche zur Wehr zu setzen.

Roland Steixner

Fotos: n.n.

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