Klimaneutralität bis 2030 – Warum eigentlich?

Die Klimakrise ist eine reale Bedrohung: Alleine letztes Jahr gab es größere Ernteausfälle für Bauern und Bäuerinnen durch die Hitze als durch die Unwetter. 250 Millionen Euro an diesen Ausfällen fallen Wetterkapriolen zum Opfer. Zahlreiche Menschen verlieren ihre Existenz durch Murenabgänge, Hangrutsch oder Hochwasser. Es starben mehr Menschen durch die Hitze im Jahr 2018 als durch Verkehrsunfälle. Gleichzeitig ist die Hitze ein Armutsproblem. Menschen mit geringem Einkommen können sich häufig keine gut temperierte Wohnung oder eine Klimaanlage leisten. Außerdem sind wir bereits im nächsten großen Artensterben angekommen. Der Klimakollaps ist also nicht nur eine Bedrohung, die am Horizont droht, sodass wir sie noch umschiffen könnten – wir leben mittendrin. Angesichts der unverminderten Zerstörung unserer Umwelt und einer sehr laxen Gesetzgebung zu ihrem Schutz ist die konkrete Vision einer sozial und ökologisch gerechten Zukunft nicht nur notwendig, sondern unumgänglich. Nur wenn wir auf ein anderes Wirtschaften und eine sozial gerechte Gesellschaft hinarbeiten, ist das möglich. Die Klimaneutralität von ganzen Kommunen, Städten und Ländern spielt dabei eine wesentliche Rolle.

Warum erhitzt sich die Erde?

Das Kohlendioxid, das wir ausstoßen, ist der Grund. Seit den Kohlekraftwerken der industriellen Revolution nimmt dieses Treibhausgas in der Atmosphäre zu. Mit anderen Worten: Wir haben den höchsten Stand an Emissionen seit 4 Millionen Jahren und die Rate an Emissionen steigt schneller als in den letzten 66 Millionen Jahren davor.

Quelle: statista.at

Gibt es noch andere Treibhausgase?

Auch Methan und Wasserdampf gehören zu den anthropogenen, also vom Menschen ausgestoßenen Treibhausgasen. Methan kommt zum einen natürlich vor, gelangt aber auch vor allem durch Reisfelder, Kuhherden, Mülldeponien, Erdgasgewinnung und Transport in die Atmosphäre. Zwischen 1750 und heute hat sich der Methananteil in der Atmosphäre mehr als verdoppelt.

Quelle: Earth System Research Laboratory

Was den Wasserdampf betrifft, so ist die direkt vom Menschen freigesetzte Menge wie etwa durch Bewässerung oder Kühlung vernachlässigbar. Der Feedback-Effekt dieses Gases ist allerdings das Entscheidende: Da jede Erwärmung der Atmosphäre durch Kohlendioxid, Methan oder andere Treibhausgase zu mehr Wasserdampf in der Atmosphäre führt, verstärkt Wasserdampf den anthropogenen Treibhauseffekt. Der genaue Betrag dieser Verstärkung ist unklar, beträgt aber wahrscheinlich etwa das Doppelte.

Wer ist dafür verantwortlich?

Seit der Gründung des Weltklimarates im Jahr 1988 steigen die Treibhausgasemissionen kontinuierlich weiter. Allein 71% des seither ausgestoßenen Treibhausgases geht auf das Konto von 100 großen Konzernen. Auch österreichische Konzerne sind davon nicht ausgenommen. Einer der größten Klimasünder ist die OMV. Die OMV wird immer wieder mit den 100 Klimakillern genannt, die am meisten zerstören.

Quelle: https://decolonialatlas.files.wordpress.com/2019/04/names-and-locations.png

Weiters ist das Problem der Emissionen eine Frage von Arm und Reich. So sind auch Karbonemissionen ungleich verteilt. Während die reichsten 10% für die Hälfte aller Emissionen verantwortlich gemacht werden können, stoßen die untersten 50% nicht einmal 10% der Treibhausgase aus.

Quelle: Oxfam

Die Industrie ist offensichtlich Hauptverursacher, aber welche Konzerne genau?

Die Emissionen können ganz klar wie in der folgenden Grafik aufgeteilt werden.

Quelle: Umweltbundesamt

Für Innsbruck heißt das allerdings etwas Anderes, da wir über keine wesentliche Schwerindustrie verfügen: 50% aller Emissionen können dem Transport und dem Verkehr zugerechnet werden. Generell hat Tirol die höchsten Pro-Kopf-Emissionen in ganz Österreich. Auch der Anteil der Gebäude und der damit verbundenen Flächenversiegelung ist enorm. Nicht nur ist der Verlust von Grünflächen problematisch für den Ausgleich einer negativen CO2-Bilanz, Zement und Beton sind auch wahre Klimakiller, denn diese blasen viermal so viel in Luft in die Umgebung wie der ganze globale Flugverkehr. Ein wesentlicher Treiber sind also in Innsbruck die Immobilienkonzerne.

Was sind die Folgen?

Die Durchschnittstemperatur steigt. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs explodiert sie aber. Höhere Temperaturen bedingen gleichzeitig ansteigende Meerespiegel durch das Schmelzen des Polareises, das Schmelzen der Gletscher hierzulande, zahlreiche und häufigere, extreme Wetterphänomene sowie Dürre und Überschwemmungen. Für Österreich stellt der ZAMG noch Weiteres fest: Die Niederschlagsmengen in Österreich haben sich in den vergangenen Jahren kaum verändert, sehr wohl aber die Temperatur: Seit den 1980er-Jahren wurde die Temperatur in Österreich im Sommerhalbjahr um etwa zwei Grad wärmer. Das ist mehr als die Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur. Für 2050 heißt das laut der ETH Zürich: Knapp 80% der untersuchten Städte müssen mit einer starken Erwärmung rechnen. Über ein Fünftel muss sich bis 2050 überhaupt auf völlig neue Klimaverhältnisse einstellen. Wien würde bis dahin um 7,6 Grad wärmer werden und würde damit ein ähnliches Klima haben wie Skopje. Auch die Winter würden in Europas Städte im Schnitt im 4,7 Grad wärmer werden.

Was ist denn so schlimm daran, wenn die Erde ein bisschen wärmer wird? Ich mag warmes Wetter!

Seit der Pariser Klimakonferenz gilt: Die globale Durchschnittstemperatur darf sich nicht mehr als 2 Grad erhöhen, besser wären 1,5 Grad. Doch was heißt das eigentlich? Über 1,5 Grad Erwärmung haben fatale Folgen: Hitzewellen, Flut- und Dürrekatastrophen werden überall extremer und häufiger. Innsbruck ist da keine Insel der Seligen. Die folgende Grafik gibt Auskunft darüber, wenn die Temperatur noch weiter ansteigt.

Quelle: Die dicke Linie zeigt den 5-Jahres-Durchschnitt der globalen Temperatur-Anomalien (NOAA). Die punktierten Linien zeigen die Perzentile der Vorhersagen zur Erderhitzung nach Raftery et.al, 2017. Die schwarze Linie unten ist der Durchschnitt im 20. Jahrhundert. Inspiriert von The Guardian.

Klingt ja alles schlimm. Aber Innsbruck leistet nur einen kleinen Beitrag zur Treibhausgasbilanz!

Das mag stimmen, aber wenn wir in Innsbruck strengere Klimaziele umsetzen, können wir so den Druck erhöhen, dass das auch in Österreich geschieht. Wir können zum einen dem Städtebund unsere Expertise, die wir dadurch entwickeln, anbieten und so anderen Städten und Kommunen helfen, eher ihre Klimaziele – also bis 2030 und nicht erst 2050 – zu verwirklichen. Gleichzeitig können wir in Tirol den Druck erhöhen und auch in Österreich. Dafür müssen wir aber erst den ersten Schritt gehen. Zudem ist zu erwähnen: In Innsbruck geht es vor allem auch darum, dass viele Menschen bereits jetzt schon an Atemwegserkrankungen durch die schlechte Luft (siehe Dunstwolke bei warmen Tagen) leiden.

Warum seid ihr ausgerechnet für 2030? Die Innsbrucker Stadtregierung heftet sich doch die Pariser Klimaziele auf die Fahnen?

11.000 Wissenschafter*innen aus 153 Ländern sehen das anders und kritisieren die Pariser Klimakonferenz von 2015. Die Datenlage hat sich auch in den letzten fünf Jahren geändert. Diese Wissenschafter*innen sprechen davon, dass ein Klima-Notfall auf uns zukommt. Sie konstatieren, dass ein ohne grundlegendes Umsteuern, sich menschliches Leid nicht verhindern lasse.

Wer es also ernst meint mit den Klimaschutzzielen, muss jetzt handeln und nicht erst in 25 Jahren. Es gibt keinen anderen Weg, als den sozial-ökologischen Wandel. Dieser Ansicht ist auch der Weltklimarat. Der IPCC hatte 2018 einen Bericht herausgegeben, nachdem wir 12 – jetzt noch 10 – Jahre Zeit haben, um alles zu verändern: wie wir wohnen, wie wir uns fortbewegen und vor allem, wie wir produzieren. Der Bericht der IPCC ist dabei eindeutig. Nötig seien „schnelle, weit reichende und nie dagewesene Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft“. Viele Effekte, die sich bei einer Erderwärmung um zwei Grad einstellten, ließen sich so noch abmildern.

Was müssen wir tun?

Es braucht einen grundlegenden Emissionsstopp aller Treibhausgase. Dafür ist ein Kulturwandel vonnöten.

Ich mach ja eh schon sehr viel gegen die Klimakrise. Ich pflege einen zero-waste-Lebensstil, benutze keine Einwegbecher und kaufe nur bio-Lebensmittel. Das muss doch reichen, oder?

Engagement ist gut und wichtig. Bedenken muss man, dass die Mehrheit der Menschen weder die finanziellen Mittel noch die zeitlichen Ressourcen für einen solchen Lebensstil haben. Unser Klimaplan setzt aber genau dort an: einen sozialen Ausgleich für jene zu schaffen, die oftmals von der Politik ignoriert werden. Dafür bedarf es eine Umverteilung der Ressourcen.

Ihr wollt einen Emissionsstopp. Heißt: Ich darf nicht mehr mit dem Auto fahren?

Im Gegensatz zu anderen Parteien wollen wir, die Alternative Liste Innsbrucks (ALI) nichts verbieten. Wir wissen: Die öffentlichen Verkehrsmittel sind derzeit nicht gerade attraktiv. Deswegen wollen wir hier einen Anreiz schaffen. Ein erster Schritt muss ein flächendeckender Nulltarif sein, ein zweiter muss der Ausbau der E-Mobilität und auch genereller Ausbau der Reichweite der Öffis sein. Tallinn hat das bereits gemacht: Resultat: Viele Leute lassen aufgrund des attraktiven Nulltarifs das Auto freiwillig stehen und haben ihr zweites Auto verkauft. Die Emissionen durch den Verkehr sind dadurch drastisch gesunken.

Es gibt aber auch noch andere Emittenten? Was ist mit den Immobilienkonzernen?

Hier müssen wir vor allem die Richtlinien für die Flächenversiegelung nachschärfen. Es wird, wenn es nach uns geht, sehr schwierig, für eine ZIMA oder eine PEMA überhaupt noch etwas bauen. Gleichzeitig sind ihre Wohnungspreise in keiner Relation: Kaum jemand kann sich solche Preise noch leisten. Aber hier kann die Stadt einspringen. Zum einen wird sie den Bau von Gemeindewohnungen vorantreiben – mit Passivhausstandard. Es braucht den politischen Willen, den Gemeindebau zum schönsten in der Stadt zu machen. Zum anderen wollen wir eine Erhöhung der geförderten Wohnungen in Neubauten auf 50%. So passiert zwar noch Versiegelung, aber zu bezahlbaren und umweltverträglichen Konditionen. Gleichzeitig müsste Innsbruck auch leerstehende Wohnungen eruieren und diese selbst vermieten. Wir haben ca. 2000 leerstehende Wohnungen, die so zu günstigen Konditionen Menschen zur Verfügung gestellt werden könnten.

Euch geht es also nicht nur um Klimaschutz?

Nein. Uns geht es darum, die schlimmsten Folgen der Klimakrise zu verhindern. Das fängt damit an, dass wir bezahlbaren Wohnraum und Klima verbinden. Das geht weiter über die Verteilungsgerechtigkeit und hört auf beim ticketlosen, öffentlichen Verkehr. Nur so können wir den ökologisch-sozialen Systemwandel herbeiführen, den es braucht. Denn Klimaschutz bedeutet, dass sich alle gleich daran beteiligen – auch die oberen 10% und die grossen Konzerne.

Autoren: Thomas Hörl/Mesut Onay

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