Vier Gründe für den Nulltarif im öffentlichen Verkehr

Foto: Ralf Roletschek – Wikipedia

Zu teuer. Zu unvernünftig. Zu unökonomisch. Zu hoch frequentiert. Zu unrentabel. Das sind die Argumente der Gegner*innen eines ticketlosen Nahverkehrs. Dabei zeigen aber zahlreiche europäische und internationale Beispiele, dass der Nulltarif sehr praktikabel sein kann. Und es werden immer mehr Städte, die eine solche Maßnahme forcieren: 99 gibt es bereits weltweit, davon sind 57 in Europa, 27 in Nordamerika, 11 in Südamerika, 3 in China und eine in Australien. Auch für Innsbruck gibt es vier gute Gründe, den öffentlichen Verkehr zum Nulltarif anzubieten:

1. Der Nulltarif schafft eine neue Dynamik in der Stadt

In vielen Städten und Kommunen hat der Nulltarif das Zusammenleben verbessert und einen Vorschub im Kampf gegen die Einsamkeit geleistet: Besonders effektiv sei dieser Kampf im französischen Dunkerque bei den älteren Personen laut Patrice Vegriette, dem dortigen Bürgermeister, gewesen. Einem Augenscheinbericht des „Le Parisiens“ zufolge machen sich die Menschen weniger Gedanken um verlorene Tickets und das Ambiente im Bus habe sich bedeutend verbessert – die Menschen würden sich begrüßen und wären freundlicher. Menschen waren mit den hohen Ticketpreisen zuvor in ihrem Stadtteil gefangen und so begannen sie wieder den Bus zu nutzen, fuhren ans Meer oder machten allerlei Ausflüge – das trifft besonders auf die älteren Bürger*innen der Stadt an der französischen Nordküste zu. Alles in allem also ein positiver Nebeneffekt.

Zudem sei die Kaufkraft von Personen gestiegen. 10% der Bevölkerung hätten in Dunkerque ihr zweites Auto verkauft und hatten auf diese Weise bis zu 6.000€ mehr zur Verfügung. Durch den Versicherungsbeitrag für das Auto und die Ticketersparnis haben Haushalte so bis zu 800€ mehr pro Jahr zur Verfügung. Menschen haben dann wieder mehr Kaufkraft und können in kleine Initiativen und auch in Läden vor Ort investieren. Das stärkt das Zusammenleben in der Stadt überhaupt.

2. Der Nulltarif führt zu mehr Klimagerechtigkeit

Tallinn (Estland) macht es vor: In Tallinn ging der Individualverkehr mit dem Auto im ersten Jahr nach der Einführung des ticketfreien ÖPNV um 15% zurück. Das Auto wird nur noch für weitere Strecken benutzt. Auch andere Städte kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Hasselt mit seinen 70.000 Einwohner*innen hat bereits 1996 den Nulltarif eingeführt, mit einigen erstaunlichen Resultaten. Die Benutzung des ÖPNV stieg um das Zehnfache, außerdem stieg die Zahl der neuen Nutzer*innen um 37% und die Flotte Busse erhöhte sich um das Fünffache. Auch die Rate jener Menschen, die früher weniger mit dem Bus fuhren, erhöhte sich um 567%.

Dunkerque in Frankreich ist dafür ein jüngeres Beispiel. Die ca. 100.000-Einwohner-Stadt hat erst im Jahr 2018 den ticketfreien ÖPNV eingeführt, wobei ab 2015 der Nulltarif für Wochenenden galt. Hier gaben ebenso zahlreiche Personen an, das Auto für den Bus stehen zu lassen. Um 50% sei die Nutzung der Öffis gestiegen, 48% dieser neuen Nutzer*innen gaben an, auf ihr Auto zu verzichten. Am Wochenende stieg die Rate sogar um 125%.

Das hat direkte Auswirkungen auf die Treibhausgase. Ein voller Bus kann quasi 40 Autos von der Straße holen. Nach einer Studie von 2008 kann ein erhöhtes Aufkommen im öffentlichen Verkehr zu einer Reduktion von CO2 um bis 21% beitragen. Laut einer Studie von Knittel aus dem Jahr 2012 ist der motorisierte Individualverkehr für 61% aller Kohlenmonoxid- und für 45% aller Kohlendioxidemissionen sowie für 8% des Feinstaubs verantwortlich. Diese Verschmutzung erhöht sich nach dem Forschungsteam bei Stau. Nach ihnen erhöht sich die Anzahl der Emissionen in einem Stau pro individuellem Auto. Mit anderen Worten erhöht sich die Dichte von Kohlenmonoxid pro Minute um 1% und von Feinstaub um 3%. Bei heißen Temperaturen steigt diese Dichte noch stärker, bei Nebel erhöht zudem die Kohlenmonoxidbelastung.

Die Treibhausgase haben direkte Auswirkungen auf Individuen. Und zwar auf deren Gesundheit. Extreme Wetterereignisse gefährden die Gesundheit der österreichischen Bevölkerung als direkte Auswirkungen. Am bedeutendsten sind dabei Hitzewellen. Laut einer Studie wird sich die Zahl der Hitzetage bis Mitte des Jahrhunderts verdoppeln. Häufigere Hitzeperioden treffen gleichzeitig auf eine ältere Gesellschaft, die einen um zehn Prozent höheren Anteil an Personen über 65 Jahre aufweist. Aufgrund der wachsenden Zahl an Tropennächten, in denen nicht ausreichend Abkühlung stattfindet, führen all diese Entwicklungen insbesondere in dicht verbauten Gebieten zu stark erhöhten gesundheitlichen Risiken. Davon betroffen sind besonders ältere Menschen, Menschen mit geringen Einkommen, Kinder, Patientinnen/Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychischen Erkrankungen sowie Personen mit eingeschränkter Mobilität. Und da haben wir von psychischen Krankheiten und auch materiellen Folgekosten noch gar nicht gesprochen.

3. Der Nulltarif kann eine neue Einnahmequelle sein

Der Nulltarif muss nicht zu einem Wegbrechen von Einnahmen für Öffis führen. Auch hier zeigt Tallinn, wie es geht: Vor Einführung des Nulltarifs belief sich der Anteil der Ticketverkäufe auf nur 30% der Gesamteinnahmen. Der Rest wurde von der öffentlichen Hand zur Verfügung gestellt. In Innsbruck ist es ähnlich: 67% wird bereits durch die öffentliche Hand finanziert.

Doch was hat sich in Tallinn konkret geändert? Einwohner*innen bezahlen eine einmalige Gebühr von 2€ und erhalten dann eine Green Card für den Bus und die Straßenbahn. Tourist*innen bezahlen mehr. Gleichzeitig wird viel in der Verwaltung eingespart: Ticketkontrollen fallen weg, die Bürokratie mit unterschiedlichen Tarifen wurde vereinfacht, die Logistik für das Schwarzfahren aufgelöst. Zudem konnte Tallinn mehr Erstwohnsitze verzeichnen, wodurch die Einnahmen durch die Kommunalsteuer gestiegen sind. So verzeichneten die dortigen Verkehrsbetriebe ein Plus von 20 Millionen € jährlich.

4. Der Nulltarif ist sozial gerecht

Analog zu Schulen, Parks, Büchereien und Straßenlaternen sollte auch der öffentliche Verkehr zum Nulltarif angeboten werden. Oder haben Sie schon einmal einen Münzschlitz bei einem Parktor oder einer Laterne gesehen? Das wäre also nicht nur eine sozial gerechte Alternative, sondern auch einfach vernünftig. Auch hier ist Tallinn eine Vorreiterstadt. Die Mobilität von Menschen mit geringem Einkommen hat sich deutlich erhöht: Menschen, die ansonsten zu Fuß gingen, tendierten zu 40% eher dazu, die Öffis zu nutzen. Man kann hier davon ausgehen, dass sich viele davon weder Auto noch Öffiticket leisten konnten. Ganz besonders stark erhöht hat sich die Anzahl älterer Menschen, jungen Personen und Arbeitslosen, die nun den öffentlichen Verkehr in Tallinn nutzen.

Forscher*innen der Pariser Uni der Science Po (Politikwissenschaft) sind zum Schluss gekommen, dass jede Form des Transports in irgendeiner Form Kosten (monetär und nicht-monetär) birgt: Ein hochpreisiger Tarif habe einen negativen Effekt auf jedes städtische Transportsystem, denn dies reduziert die Benutzerhäufigkeit der Öffis und damit auch die Einnahmen. Und tatsächlich. Hohe Preise schrecken viele von den Öffis ab: Im Jahr 2013 führte die Europäische Kommission eine europaweite Studie zum öffentlichen Verkehr durch. Das Ergebnis: 59% der Befragten gaben an, dass sie eher die Öffis nutzen würden, wenn die Tickets bezahlbarer wären. 56% waren davon überzeugt, dass die Verkehrsmittel attraktiver werden müssen.

In Aubagne habe man sich daher für den Nulltarif entschieden, um Klasseninteressen auszugleichen. Die Maßnahme wurde eingeführt, um mehr Gleichheit in der Stadt herzustellen, indem der Zugang zur Mobilität erhöht wurde. Zudem hat man dort anschließend, weil das Modell so erfolgreich war, die Mobilität in die umliegenden Städte und Dörfer auch zum Nulltarif angeboten, wovon besonders Pendler*innen profitierten. Allerdings waren das nicht die Linken, die das 2008 eingeführt hatten, sondern das dortige Äquivalent zur Volkspartei.

Auch Dunkerque ist hier ein gutes Beispiel. Ein Lokalaugenschein des englischen Guardian kam zum Ergebnis, dass die Leute Geld sparen. Vanessa Delevoye, eine Journalistin des dortigen Stadtmagazins gab an, dass es um nichts Geringeres geht als die Freiheit. Man muss nicht länger die Fahrpläne studieren, Tickets kaufen oder Parkplätze suchen. Auch Menschen mit geringem Haushaltseinkommen hätten die Mobilität für sich entdeckt.

Was ist das Fazit?

Insgesamt ist der Nulltarif eine Maßnahme der Umverteilung von unten nach oben. Er ermöglicht allen Menschen das Recht auf Mobilität. Es geht also beim Nulltarif nicht nur um den öffentlichen Verkehr. Auch ist der Nulltarif eine wirkungsvolle Maßnahme im Kampf gegen die Klimakrise. Er muss auch nicht dazu führen, dass die Einnahmen für die Verkehrsbetriebe wegbrechen, man muss hier als städtisches Parlament nur umsteuern. Zu guter Letzt tritt mit der Bekämpfung der Einsamkeit ein willkommener Nebeneffekt ein, der einer Stadt neue Dynamik verleihen kann. Insgesamt sind Menschen in Städten mit dem Nulltarif zufriedener, gesünder, dynamischer und reicher. Zu teuer? Zu unvernünftig? Zu unökonomisch? Zu hoch frequentiert? Zu unrentabel? Wohl kaum!

Thomas Hörl

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