Ich habe nie Karl Marx gelesen.

Es läuft etwas schief in unserer globalisierten Welt. Irgendwie scheint alles so komplex und unübersichtlich geworden zu sein. Selbst die täglichen Nachrichten liefern uns keine Erklärungen mehr, sondern tragen nur noch weiter zur Verwirrung bei. Sie sind eigentlich nur mehr eine Aufzählung unzähliger kleinerer und größerer Katastrophen, die täglich passieren. Aber warum geschieht überhaupt soviel Krieg, Gewalt und Elend in so einer technisch hochgerüsteten, aufgeklärten Welt? Wie ist das jetzt mit dem Klimawandel und weshalb polarisiert das Mädchen Greta Thunberg so stark? Warum will US-Präsident Trump den Iran angreifen? Werden uns bald die Roboter die Jobs klauen, soferne es die Flüchtlinge nicht schon getan haben, so wie es die Rechtsparteien bedrohlich an die Wand malen?

Man muss keinen Karl Marx gelesen haben um zu erkennen, dass die meisten der Probleme, denen wir in unserer modernen Zivilisation begegnen irgendetwas mit „Zuviel“ und „Zuwenig“ zu tun haben. Unsere westliche Welt quillt über vor lauter Überfluss an Konsumgütern, während es in anderen Weltregionen noch immer zuwenig der lebensnotwendigsten Bedarfsgüter gibt. Erinnerungen kriechen hoch: eine Kindheitserinnerung aus den 80er Jahren, die mich immer noch beschäftigt, das waren die Bilder der verhungernden Kinder in Äthiopien mit ihren großen Augen, den Fliegen im Gesicht, mit ihren dürren Armen und ihren vom Hunger aufgeblähten Bäuchen. Wenn ich mein Essen nicht aufessen wollte, sagte meine Mutter immer, ich solle essen, weil die Kinder in Afrika müssen nämlich verhungern. Was für eine merkwürdige Logik.

Photograph: Tony McGrath/The Observer

Ich suche bis heute nach der Erklärung weshalb eigentlich in einer technologisch so hochentwickelten Welt immer noch soviele Kinder in armen Ländern verhungern müssen. Doch langsam kann ich mir einen Reim darauf machen. Ein Problem ist, dass es heutzutage überhaupt noch arme und reiche Länder gibt. Es ist die ungerechte Ressourcenverteilung, die immer noch das größte Übel in dieser Welt darstellt. Sie ist Ursache für Krieg, Not und Elend.

Doch zurück zur Politik, zu den Welterklärern. Marx hat die Fotos der hungernden Kinder in Äthiopien nie gesehen, doch auch er hat die ungerechte Ressourcen- und Kapitalverteilung erkannt und dazu seine Theorien niedergeschrieben. Doch ich muss seine Werke nicht gelesen haben, um zu wissen, dass es Aufgabe der Politik ist, den Reichtum und die Ressourcen dieser globalisierten Welt gerechter zu verteilen. Wenn man sich im politischen Spektrum umsieht, so scheinen wirtschaftsliberale und auch die konservativen Parteien darauf keine Antwort zu haben. Man erhält den Eindruck, dass es ihnen nur wichtig ist die Wirtschaft florieren zu lassen. Wirtschaftswachstum um jeden Preis. Und die Rechtspopulisten? Die schauen nicht über ihren nationalistischen, kleinen Vorgarten hinaus. Sie haben Angst vor ansteckender Armut: ´der Flüchtling´walzt in einer Welle über Europa hinweg und steckt alle mit seiner Armut an, indem er dem ´kleinen Mann´die Butter vom Brot und darüber hinaus auch noch den Arbeitsplatz klaut.

Ich bin zum Schluss gekommen, dass nur jene politischen Bewegungen zu einer Lösung der Probleme dieser Welt beitragen können, die erkannt haben, dass der überzogene Hyperkapitalismus der Gegenwart falsch ist. Er verursacht die Ausbeutung der Natur und der Menschen. Er verursacht zu großen Teilen den Klimawandel unserer Zeit. Er verursacht Krieg, da es große Konzerne gibt, die durch ihre Waffenproduktion am Krieg verdienen. Er verursacht Not und Elend in der dritten Welt, da er den ohnehin schon armen Ländern ihre Ressourcen entreißt. Er schneidet die Armen ab vom Rest der Welt, da sie als Konsumenten nicht taugen. Für mich gibt es daher nur eine Grundlage der politischen Entscheidung: ich kann nur jene Parteien unterstützen, die offen Konzernkritik ausüben und sich der Verteilungsgerechtigkeit verschreiben.

Autorin: Irene Labner

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