50 Jahre Stonewall

50 Jahre Stonewall: Was wir von den Aufständen lernen können

Diana Davies, Gay Liberation Front marches on Times Square, New York, 1970

Der Aufstand bei einer Polizeirazzia vor genau 50 Jahren im New Yorker Stonewall Inn in der Christopher Street wird gemeinhin als der Wendepunkt und Geburtsmoment der LGBTIQ*-Geschichte gesehen, der es Millionen von Menschen weltweit möglich gemacht hat, sich zu outen und für die eigenen Freiheitsrechte zu kämpfen. Stonewall war nicht nur ein Aufstand für LGBTIQ*-Rechte – es war Teil einer breiteren Bewegung, die gegen Krieg, gegen Armut und gegen Rassismus kämpfte. Längst vergessen ist der Antikapitalismus der Bewegung.

Was damals passierte

In den 1960er-Jahren kam es in New York und anderen Städten immer wieder zu gewalttätigen Razzien in Schwulenlokalen. Dabei wurde die Identität der Besucher*innen eines Lokals festgestellt (und bisweilen öffentlich gemacht), und es kam zu Verhaftungen und Anklagen wegen „anstößigen Verhaltens“.

Am 28. Juni 1969 fand eine solche Razzia in der Szene-Bar Stonewall Inn statt, die an diesem Abend auch von zahlreichen Drag Queens besucht wurde. An diesem Tag sollen sich besonders viele Schwule in New York aufgehalten haben, weil zuvor die Beerdigung eines Schwulenidols stattgefunden hatte: der Schauspielerin Judy Garland. Die Besucher des Stonewall Inn ließen sich das Vorgehen der Polizei nicht gefallen, und die Polizisten wurden gewaltsam vertrieben.

Der Kneipenaufstand entwickelte sich zu einer dreitägigen Straßenschlacht, zu der Unterstützer*innen aus ganz New York herbeieilten, darunter der Schriftsteller Allen Ginsberg, der im Chelsea Hotel lebte. Die Polizei, die erst mit dem vice squad, der Sittenpolizei, angerückt war, sandte nun riot squads, Einheiten, die Aufstände niederschlugen. „Daraufhin haben sich die Dragqueens quer über die Straße hinweg untergehakt, die Beine mit ihren hochhackigen Schuhen in die Luft geworfen wie Can-Can-Girls und laut gesungen“, erzählt Richard Goldstein. „Da ergriffen die Polizisten die Flucht.“ Die Ereignisse führten zu einer breiten Solidarisierung im New Yorker Schwulenviertel, und auch in den Folgetagen leisteten die Schwulen den verstärkten Polizeitruppen erfolgreich Widerstand. Erst nach fünf Tagen beruhigte sich die Situation.

Was Stonewall einzigartig macht

Trotz einiger Versuche, den Aufstand „weißzuwaschen“, wissen wir, dass das Stonewall Inn eine Bar für Personen war, die aufgrund ihrer Herkunft und Hautfarbe im Klassengefüge ganz unten waren – auch ökonomisch gesehen. Regelmäßige Gäste waren schwarze Trans*personen, hispanische Lesben und Schwule sowie Sexarbeiter*innen. In den letzten Jahren ist Auch eine Debatte darüber entflammt, wer den ersten Ziegelstein geworfen haben soll. Viele versuchten die Person als schwarze Trans*frau zu identifizieren, andere als hispanische Lesbe, die beide schon von der Polizei aufgegriffen wurden. Geschlecht, sexuelle Orientierung und Herkunft variieren. Die Debatte ist jedoch sinnlos, denn der Protest damals war nicht einzigartig.

Denn schon in den Jahren zuvor hatte es mindestens drei solche Aufstände der LGBTIQ*-Community gegen die repressive Polizeigewalt gegeben. Schaut man sich nur an, wie schlecht Stonewall damals dokumentiert war – ein Artikel in der Village Voice mit ein paar Fotos – ist es wahrscheinlich, dass sich öfter Personen gegen die eigene Verhaftung gewehrt hatten.

Was Stonewall einzigartig macht, war nicht der Aufstand selbst, sondern der spezifische historische Kontext der 68er, der die Menschen in den folgenden Wochen und Monaten dazu brachte, sich in einer radikalen Bewegung zu organisieren, nämlich in der Gay Liberation Front (GLF). Die GLF demonstrierte gegen die aufgezwungenen Geschlechterstereotype. Die liberale, homophile Mattachine Society wollte als „normal“ gelten; die linke GLF sah die Gesellschaft als krank und forderte deren radikale Revision: „We reject society’s attempt to impose sexual roles and definitions of our nature. … Babylon has forced us to commit ourselves to one thing: revolution.”, hieß es in ihrem Pamphlet. Die GLF war gegen den Kriegseinsatz der USA im Vietnam und benannte sich in Anlehnung und Solidarität nach der National Liberation Front, die im Vietnam gegen die US-Truppen kämpfte. Die GLF war die Antithese zu einer Politik des falschen Respekts und der falschen Normalisierung, indem sie radikal gegen die Unterdrückung durch diesselbe auf allen Ebenen der amerikanischen Gesellschaft kämpfte.

LGBTIQ*-Historiker*innen haben zudem festgehalten, dass zahlreiche Stonewall-Aktivist*innen in anderen Bewegungen zuvor aktiv gewesen waren, speziell in der Anti-Vietnamkriegsbewegung und im Black Power Movement. Die zivilgesellschaftliche Bewegung zwischen 1968 und 1973 in den USA vereinte verschiende Kampfmomente gegen Rassismus, gegen Krieg, gegen Homophobie und für Feminismus und gleiche Rechte. Sie brachte einen noch die dagewesenen progressiven Wandel hervor. Dies war aufgrund von zwei essentiellen Momenten möglich:

1. massives soziales Engagement, das gegen zahlreiche Formen der Untersrückung kämpfte und diese Kämpfe vereinte

2. die massive Entfremdung von den etablierten Parteien, die diese Kämpfe auch nicht in sich aufnehmen konnten.

Was uns Stonewall heute lehrt

Diana Davies, Stonewall Inn, 1969. Courtesy of New York Public Library, Manuscripts and Archives Division

Nicht zuletzt war es dieses Engagement abseits der etablierten Parteien, das Lesben, Schwulen und Trans*, Inter und queeren Menschen fundamentale Rechte beschert hat: Entkriminalisierung, Ehe für alle, Anerkennung des dritten Geschlechts, Adoption und vieles weitere. Das alles sind aber Siege, die neoliberale Politiker*innen nicht viel politisches Kapital gekostet haben. Das, was jetzt noch ansteht, erfordert noch viel mehr Mut: es braucht Wohnungen für alle, auch für die unverhältnismäßigere, größere Zahl von LGBTIQ*-Jugendlichen, die obdachlos sind, LGBTIQ*-bejahende Erziehung in Schulen sowie einen echten Diskriminierungsschutz in allen Bereichen.

Der Schlüssel zu solchen mächtigen Bewegungen ist nicht nur ihre Größe, sondern auch ihre Unabhängigkeit von den etablierten Parteien. Der soziale Wandel von oben herab funktioniert nicht, wenn Parteien das für uns machen. Die Lektion der Stonewall-Bewegung besteht nicht nur in den Mechanismen für einen massiven sozialen Wandel, sondern auch darin, dass dieser Wandel von Bewegungen von unten kommt. Die Macht für wirkliche Veränderung liegt außerhalb der großen Parteien – nämlich in der Macht, die Menschen haben, sich selbst durch geschickte Organisierung zu befreien.

Autor: Thomas Hörl

1 thought on “50 Jahre Stonewall

  • Sexuelle Gleichberechtigung
    Was vom Aufstand übrig blieb
    50 Jahre Stonewall. Schwule, Lesben und Drag Queens setzten sich vor einem halben Jahrhundert militant gegen ihre Unterdrückung zur Wehr. Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für das Hier und Jetzt? Ein Erklärungsversuch
    Von Markus Bernhardt

    Markus Bernhardt ist freier Journalist und Autor sowie studierter Sozialarbeiter. Er arbeitet maßgeblich für die junge Welt und die Wochenzeitung Unsere Zeit (UZ) und engagierte sich von Mitte der 1990er Jahre bis Mitte der 2000er Jahre in der linken Lesben- und Schwulenbewegung. Mit der endgültigen Marginalisierung dieser Bewegung endete sein Engagement.
    Gleich mehrere historische Ereignisse prägen die diesjährigen Paraden und Demonstrationen, die in den kommenden Wochen in allen größeren bundesdeutschen Städten anlässlich des Christopher Street Days (CSD) stattfinden werden. So jährte sich erst kürzlich die am 11. Juni 1994 erfolgte ersatzlose Streichung des bis dahin gültigen Strafrechtsparagraphen 175, der Sexualität zwischen Männern in der BRD unter Strafe stellte. Und am 28. Juni 1969, vor 50 Jahren, begann in den frühen Morgenstunden der sogenannte Stonewall-Aufstand, der zur Geburtsstunde des CSD geriet.

    Damals setzten sich Lesben, Schwule und Drag Queens erstmals gemeinsam und zugleich militant gegen eine anhaltende Serie brutaler Übergriffe durch die New Yorker Polizei zur Wehr. Als wieder einmal Beamte die in der Christopher Street gelegene Bar »Stonewall Inn« angriffen, war es genug: Sie wollten nicht mehr länger Repressionsopfer sein. Die Angegriffenen wehrten sich, leisteten den Polizisten über Tage hinweg in Straßenschlachten Widerstand. Mit der Entschlossenheit und Wucht der Gegenwehr der sogenannten sexuellen Minderheiten hatten die vermeintlichen Ordnungshüter ganz offensichtlich nicht gerechnet. Trotz der zu Hilfe gerufenen Verstärkung gelang es den Beamten nicht, den Aufstand zu stoppen. Der Grundstein für die schwul-lesbische Emanzipationsbewegung war gelegt.

    Erst jüngst sah sich die New Yorker Polizei veranlasst, sich für ihre damalige Zermürbungs- und Repressionsstrategie, für die brutalen Übergriffen zu entschuldigen. »Die durchgeführten Maßnahmen der New Yorker Polizei waren falsch – ganz einfach. Die Maßnahmen und die Gesetze waren diskriminierend und unterdrückend. Und dafür entschuldige ich mich«, konstatierte James O’Neill, Chef des New York Police Department (NYPD), Anfang dieses Monats.
    Ums Ganze?

    Während einige Aktivisten die Entschuldigung akzeptierten, lehnten andere sie erwartungsgemäß ab. »Entschuldigungen bedeuten die Absicht, sich zu ändern. Und das NYPD hat nicht die Absicht, sich zu ändern. Das NYPD bleibt der repressive Arm des kapitalistischen Staates und exekutiert die gesamte Unterdrückung und Ausbeutung dieses verfaulten Systems«, kritisierte Tatiana Cozzarelli, Redakteurin des US-amerikanischen Magazins und Blogs Left Voice.¹ Es gehe darum, »eine klare Botschaft« an das NYPD zu senden: »Die Entschuldigung wird nicht akzeptiert. Unsere Schicksale sind verbunden mit den schwarzen Jugendlichen, die ihr anlasslos durchsucht, mit dem Latino-Typ, den ihr nach seinen Papieren fragt, und der Transfrau, die ihr belästigt und verspottet«, stellte Cozzarelli klar.

    Ähnlich äußerte sich Leon Hamacher kürzlich im linksradikalen Blog Perspektive online.² Er wolle »nicht in den ›guten alten Zeiten‹ schwelgen, in denen der CSD noch ein Kampftag war, sondern rufe alle Queerpersonen dazu auf, ihn wieder zu einem zu machen! Wir müssen uns selbstorganisiert zusammenschließen, wir müssen unsere Probleme analysieren und ihre Ursachen benennen, wir müssen uns wehren«. Seine Schlussfolgerung: »Stonewall was a riot! Es ist Zeit für neue Aufstände!«

    Man kann, ja man muss derlei Forderungen mit viel Sympathie begegnen. Auch der Autor dieser Zeilen hat das über lange Jahre hinweg getan. Und doch verfliegen sie ungehört im Wind. Das hat mehrere Gründe. Einer davon ist, dass der Stonewall-Aufstand eben kein antikapitalistischer Aufstand war. Es ging den Beteiligten maßgeblich um eigene Freiräume, Freiheiten und ihre ganz konkrete Wehrhaftigkeit gegen anhaltende Polizeiübergriffe. Um nicht mehr, aber auch nicht um weniger. Das politische System der USA stellten sie jedoch keineswegs in Frage. Die radikale Linke hat das bis heute nicht verstanden. Und darin liegt die erste grundfalsche Annahme ihrer Analyse der damaligen Ereignisse von Stonewall.

    Hinzu kommt: Es will der radikalen Linken zumindest dieses Landes einfach nicht einleuchten, warum sich die potentiellen Subjekte der Gesellschaftsveränderung nicht mit der eigenen vermeintlich integren Politik gemein machen wollen. Das mag manchen Linken zu Recht schmerzen, hat aber gute, und ja, sogar hausgemachte Gründe: Moralvorstellungen biederster Art, Selbstbeweihräucherung und intellektuelle Defizite bestimmen solche »innerlinken Diskurse«, die heutzutage unter der Selbstbezeichnung des »Queerfeminismus« in diesem Milieu die politische Deutungshoheit erlangt haben. Viele gute, ernstzunehmende und bedenkenswerte politische Ansätze in Sachen Lebensweisen und Sexualität, die zuvor expliziter Teil der politischen Linken waren, wurden entwertet und ins Abseits befördert. Tatsächlich handelt es sich beim Gebaren der »Queerfeministen« um einen Angriff auf die linke, homosexuelle Emanzipationsbewegung. Wer ernsthaft der Überzeugung ist, als heterosexueller Mann – und davon gibt es in dieser selbstgefälligen Szene bemerkenswert viele, schlimmstenfalls kostümiert mit Haarspange und lackierten Fingernägeln – Menschen zu belehren, die teils schwerwiegende Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen machen mussten, beweist sowohl geistige wie ästhetische Dürftigkeit.
    Perfider Angriff

    So gilt den »Queerfeministinnen und Queerfeministen« das real vorhandene körperliche Geschlecht keineswegs als Gegebenheit, sondern einzig als Konstrukt. Auf dem vergangenen Europaparteitag der Partei Die Linke in Bonn zum Beispiel bewarb sich ein äußerlich männlicher Kandidat auf Listenplätze, die für Frauen reserviert waren. Nicht weil er eine Geschlechtsumwandlung begonnen hätte oder sie wenigstens plante, sondern einzig weil er sich zum Zeitpunkt der Aufstellung als Frau fühlte.

    Die »queerfeministische Fantifa« Frankfurt am Main wiederum behauptet, »queer« bedeute einen »Aufbruch der Vorstellung, dass Geschlecht, Geschlechtsidentität und Begehren eine normativ zusammenpassende Einheit darstellen würden, müssten oder überhaupt könnten«. Selbst die vor allem in den 1980er und 1990er Jahren aktiven »Fantifa«-Gruppen, in denen sich feministische Antifaschistinnen zusammengeschlossen hatten, kommen bei den Gesinnungswächtern des besagten »queerfeministischen« Zusammenschlusses nicht gut weg: »Mit und über die Kritik der alten Fantifa-Strukturen hinaus, dass eine radikale Linke, die sich nicht mit den Geschlechterverhältnissen als konstitutives Moment des falschen Ganzen befasst, weder radikal noch links ist, ergibt sich für uns auch weiterhin die Notwendigkeit, die linksradikale Szene, in der wir uns verorten, zu kritisieren«.
    Buchvorstellung

    Politische Auseinandersetzungen besonders heiterer Natur ergaben sich beim letzten Frauenstreik am 8. März dieses Jahres. So kam es bei den Vorbereitungstreffen zu aggressiv ausgetragenen Verwerfungen bezüglich der Frage, wer eigentlich genau als Frau gelte und sich überhaupt beteiligen dürfte. In anderen Ländern ist die Linke noch mit deutlich mehr Realitätssinn ausgestattet und kämpft gegen Kapitalismus, Ausbeutung und Krieg.

    Vielleicht ist derlei Unfug, der von den randständigen »Queerfeministen« praktiziert wird, auch ein Grund dafür, warum sich immer mehr politisch aufgeschlossene Lesben und Schwule in den letzten Jahren von linken Positionen abgewandt haben, denn solche Debatten haben nicht das geringste mit ihrer Lebenswelt und ihrem Alltag zu tun. Vielleicht besitzen sie ja auch einfach nur zu wenig Phantasie. Der entstandene politische Schaden könnte jedenfalls größer kaum sein.

    Um nicht missverstanden zu werden: Jede und jeder hat die Freiheit, über sein Geschlecht zu denken, was er oder sie will. Es sollte jedoch kein auf die gesamte Menschheit allgemeingültiges Politikmuster daraus entworfen werden. Es wäre sicherlich zu begrüßen, wenn viele Schwule, Lesben, Trans-, Bi- und Intersexuelle individuelle Diskriminierungs-, Gewalt- und Ausgrenzungserfahrungen stärker als bisher in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext einordnen würden. Tun sie aber mehrheitlich nicht, weil diese negativen Erfahrungen von ihnen zuallererst als individuell und eben nicht als strukturell wahrgenommen werden. Warum sollte das auch anders sein? Oder sollte vielleicht dem im ländlichen Raum lebenden schwulen Jugendlichen, etwa im sächsischen Plauen, im nordrhein-westfälischen Castrop-Rauxel oder im baden-württembergischen Emmendingen, der im Gegensatz zu den Schwulen in Metropolen wie Berlin oder Köln noch immer ganz banal damit zu kämpfen hat, sich vor Ausgrenzung, Hass und schlimmstenfalls Gewalt zu schützen, nun erklärt werden, dass er schon überleben werde, wenn er sich nur ganz »der Revolution« verschriebe?

    Wer persönlich niemals um Existentielles und Konkretes zu kämpfen hatte, hatte schon immer leicht reden. Ja, Ausgrenzung kann zu Widerstand führen. Jedoch auch zu extremen Formen von Anpassung. Um keinen Preis auffallen zu wollen, kann ein Weg sein, für den sich sexuell Marginalisierte durchaus entscheiden dürfen. All das hat auch etwas mit dem jedem Menschen innewohnenden Wunsch nach Geborgenheit und Akzeptanz zu tun. Nicht jeder Mensch vermag so stark und widerstandsfähig zu sein, wie es sich manch ein selbsternannter Revolutionär wünschen würde. Anstatt Menschen vor den Kopf zu stoßen, zu belächeln oder abzulehnen, könnten Argumente der Aufklärung, der sich die politische Linke vor gefühlten Jahrhunderten einmal verpflichtet sah, hilfreicher und zugleich auch erfolgreicher sein. Selbst Organisationen, die sich zur sogenannten Zivilgesellschaft zählen, sind diesbezüglich deutlich weiter und beziehen zugleich zum Stonewall-Aufstand klare Positionen, ohne sektiererisch zu werden und so zu tun, als hätten sie die historische Wahrheit für sich gepachtet.

    Welche politische Bedeutung die damaligen Ereignisse für das Heute haben, wird schließlich nicht ohne Grund auch anhand der Auswahl der Motti der beiden größten bundesdeutschen CSD-Paraden klar. So steht der CSD Berlin, zu dem am 27. Juli erneut Zehntausende Lesben, Schwule, Bi-, Trans- und Intersexuelle samt ihren Freunden und Unterstützern erwartetet werden, in diesem Jahr unter dem geschichtsträchtigen Motto »50 Jahre Stonewall – Jeder Aufstand beginnt mit deiner Stimme«. Bereits am 7. Juli finden die europaweit größten Proteste anlässlich des CSD in Köln statt. Auch dort nehmen die Veranstalterinnen und Veranstalter auf die Ereignisse von Stonewall Bezug. »50 years of pride. Viele. Gemeinsam. Stark!« lautet das Motto in der Domstadt. Politischer und geschichtsbewusster hätte die thematische Schwerpunktsetzung der Proteste in Köln und in Berlin, kaum ausfallen können. Oder will ausgerechnet die politische Linke Kritik an mehreren zehntausend Menschen üben, die sich unter diesen klaren Statements versammeln und für Gleichberechtigung, gegen Ausgrenzung und rechte und religiöse Hetze protestieren?
    Verschiedene Deutungen

    Was hat es – wohlgemerkt aus heutiger Sicht – mit dem Aufstand von Stonewall auf sich und welche Lehren ergeben sich daraus? Dazu gibt es auch 50 Jahre später unterschiedliche Deutungsmuster. Als unumstritten dürfte zumindest für die Bürgerrechts- und Emanzipationsbewegung gelten, dass sich Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle in Folge von Stonewall nicht mehr als »Opfer« wahrnahmen, nicht mehr um die Toleranz der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft bettelten, sondern von dieser die kompromisslose Akzeptanz ihrer Lebensweise einforderten. Davon sollte auch heutzutage keineswegs abgerückt werden. Mit Bittstellerei, Unterwürfigkeit und Anbiederung lassen sich weder Emanzipation noch Akzeptanz, weder gesellschaftliche noch rechtliche Gleichstellung erreichen. Doch bereits an diesem Punkt endet vielfach die Gemeinsamkeit. Auch unter jenen, die sich der politischen Linken zugehörig fühlen.

    Bemerkenswert in diesem Zusammenhang dürfte die Sicht des linken Schwulenaktivisten Gottfried Ensslin sein. Der Bruder der RAF-Mitbegründerin Gudrun Ensslin, der sich am 6. Dezember 2013 das Leben nahm, hatte bei seinem letzten öffentlichen Auftritt im März des gleichen Jahres in seinem Vortrag »Das Märchen vom hässlichen jungen Entlein – Schwules Coming-out gestern und heute«³ dessen Geschichte in der BRD wie folgt skizziert: »Die Situation der Homosexuellen in der Nachkriegszeit bis 1970 war geprägt von Kriminalisierung, Tabuisierung und dem sehr vorsichtigen Stigmamanagement von Verfolgten und Traumatisierten. Treffpunkte waren ständig von polizeilichen Razzien bedroht, Begegnungsorte waren ins Rotlichtmilieu integrierte Lokale. Sichtbar gemacht wurden nur die Opfer, die vor Gericht gestellt, verurteilt und öffentlich bloßgestellt wurden. Die schwulen Studenten von 1968 hatten durch die Internalisierung kleinbürgerlicher Normen meist ein langwieriges Coming-out in der Vereinzelung. Für sie war die schwule Subkultur zunächst einmal Ort vieler positiver Erfahrungen. Der Neuling wurde freundlich aufgenommen, Sexualpartner waren leicht zu finden, Gespräche waren möglich, ohne viel erklären zu müssen. Es war ein Kollektiv aus allen Gesellschaftsschichten, das dem starken Außendruck Solidarität entgegensetzte.«

    Und doch verwies Ensslin, der sich in den 1970er Jahren in Frankfurt am Main in der antikapitalistischen Homogruppe »Rote Zelle Schwul« (RotZSchwul) engagiert, bis zu seinem Tod als Teil der linken Lesben- und Schwulenbewegung verstanden und an deren Diskussionen und Debatten beteiligt hatte, auch auf die andere Seite der Medaille. So sei zugleich deutlich geworden, »dass die schwule Subkultur keineswegs eine Exklave der Gesellschaft war, sondern die herrschende Kommerzialität und Warenform in augenfälliger Weise reproduzierte«. »Sie war ein Ort von Dressur zu einem diskreten Doppelleben und der Weitergabe von Diskriminierung an die eigene Minderheit der Tunten«, bilanzierte er.

    Ähnliches hatte bereits der Filmemacher Rosa von Praunheim in seinem 1971 bei den Berliner Filmfestspielen uraufgeführten Film »Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt« ausgemacht, der bis heute erschreckend wenig von seiner Aktualität eingebüßt hat. »Die Mehrzahl der Homosexuellen gleicht dem Typ des unauffälligen Sohnes aus gutem Hause, der den größten Wert darauf legt, männlich zu erscheinen. Sein größter Feind ist die auffällige Tunte. Tunten sind nicht so verlogen wie der spießige Schwule. Tunten übertreiben ihre schwulen Eigenschaften und machen sich über sie lustig. Sie stellen damit die Normen unserer Gesellschaft in Frage und zeigen, was es bedeutet, schwul zu sein«, hieß es darin.

    Aus dem eigenen »Ghetto wollten die schwulen 68er ausbrechen und in die Öffentlichkeit gehen«, erinnerte sich Ensslin. »Anstoß war zum einen der Stonewall-Aufstand 1969 in New York, aber auch die Frauenbewegung, die in die Umwälzung der Verhältnisse auch die Veränderung der herrschenden Sexualität und Geschlechterrollen mit einbinden wollte. Weil die Frauen in ganz eigenem Interesse auf dem politischen Charakter des Privaten bestanden, traten sie auch couragiert dem Gelächter und dem Spott entgegen, die der Bruch mit sexuellen Tabus hervorrief. Das war Vorbild und Mutmacher für die beginnende Schwulenbewegung. Diese durchbrach das durch gesellschaftliche Beschweigung besonders wirkmächtige Tabu Homosexualität, indem sie sich öffentlich sichtbar machte und mit der Selbstbezeichnung durch das Schimpfwort ›schwul‹ offensiv die Auseinandersetzung suchte«, so der linke Schwulenaktivist weiter. »Homosexuelle haben miteinander nichts gemeinsam als den starken Wunsch, mit einem Mann zu schlafen. (…) In der Gemeinschaft der Schwulen können sie für kurze Zeit vergessen, dass sie Aussätzige und Verstoßene sind«, hieß es auch in von Praunheims Film. Und eben aus dieser Erkenntnis heraus entwickelte die einst stolze linke Lesben- und Schwulenbewegung ihre damalige Politik.

    Heutzutage ist es hingegen zumindest in einem Punkt nur von verhältnismäßig geringer Bedeutung, ob es die »Ehe für alle« gibt, oder ob Schwule Gesundheits-, Wirtschaftsminister oder Regierender Bürgermeister werden können. Und auch, ob sie vordergründig vom Mainstream toleriert werden. Am Ende bleiben sie doch noch immer einzig »die Schwulen«. An dieser mehrheitsgesellschaftlichen Sicht, die auch unter Linken erstaunlich weit verbreitet ist, wird sich so schnell nichts ändern. Da helfen weder fromme Appelle, noch die besten Gesetze.
    Neuformierung notwendig

    Es gibt aber politische Schnittmengen zwischen den verschiedenen Flügeln der übriggebliebenen Reste der Lesben- und Schwulenbewegung sowie der Emanzipationsbewegung der Trans- und Intersexuellen. Und diese sollten vor allem in Zeiten des gesellschaftlichen Rechtsrucks und des für jedermann spürbaren reaktionären Rollbacks genutzt werden, um gemeinsam zu neuer Stärke und Widerstandskraft zurückzufinden: »Die Erfahrung, sich im Coming-out gegen alle gesellschaftlichen Instanzen durchgesetzt zu haben, die dieses Tabu nach wie vor wirksam transportieren, kann dazu führen, dass sich ein starkes Gerechtigkeitsgefühl ausbildet. Gerade wenn die einzelnen Schritte des Coming-out genau in der Erinnerung festgehalten werden, bleibt der Blick auf gesellschaftliche Mechanismen und Machtwirkungen geschärft«, resümierte Ensslin 2013. Daran gilt es politisch anzuknüpfen. Verbindendes sollte gesucht und Kämpfe gegen alte und teils besiegt geglaubte Gegner sollten wieder aufgenommen werden. In einer zunehmend feindseligen Welt, in der religiöse Fundamentalisten, selbsternannte Lebensschützer, Rassisten, Neonazis und andere extreme Rechte verschiedener Couleur, bürgerrechtliche Errungenschaften schleifen wollen, Menschen terrorisieren und ermorden, kann verantwortungsvolle Politik nur darin liegen, bisher Erreichtes entschieden zu verteidigen und den Kampf um gesellschaftliche Verbesserungen – unter welchem Label auch immer der oder die einzelne sie führen mag – entschlossen fortzusetzen. Alles andere widerspräche dem Geist und der daraus entstandenen politischen Verpflichtung von Stonewall und all den zu führenden Auseinandersetzungen, vor denen nicht nur Lesben und Schwule, sondern auch Linke und glaubwürdige Demokraten dieser Tage stehen.

    Anmerkungen

    1 https://www.leftvoice.org/nypd-apology-for-stonewall-not-accepted

    2 https://perspektive-online.net/2019/06/queer-befreiung-statt-regenbogen-kapitalismus

    3 https://blogs.taz.de/schroederkalender/2013/12/10/in-memoriam-gottfried-ensslin/

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