Gesundheitsversorgung hat Verbesserungsbedarf – auch die Stadt Innsbruck kann ihren Beitrag dazu leisten

Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts. Der Zugang zu einer wohnortnahen Gesundheitsversorgung ist eine eine der grundlegenden Aufgaben einer Gesellschaft. Sie entscheidet über Leben oder Tod.

Innsbruck verfügt über drei Spitäler: die Klinik, das Sanatorium Kettenbrücke und das Militärspital in der Conradkaserne. Das Sanatorium Kettenbrücke ist für Privatpatient*innen, das Militärspital für Bundesheerangehörige. Die Finanzierung erfolgt über den Tiroler Gesundheitsfonds, in den neben den Mitteln aus den Sozialversicherungsträgern und dem Bund auch die des Landes Tirol und der Gemeinden fließen. Gerade vor dem Hintergrund klammer Kassen besteht auch aus den Kommunen ein Einsparungsdruck, der für die Sicherstellung einer umfassenden Gesundheitsfinanzierung nachteilig ist. Das bereits 1997 eingeführte sogenannte „leistungsorientierte Krankenanstaltenfinanzierungssystem“ (LKF) trägt dazu bei, dass von Seiten der Kliniken eine möglichst kurze Verweildauer der Patient*innen bei einer möglichst großen Anzahl an Operationen, die viel Geld einbringen, angestrebt wird.

Aus den Zahlen des Landeskrankenhauses Innsbruck wird ersichtlich, dass die Bettenanzahl seit 2008 von 1610 auf 1531 im Jahr 2017 reduziert wurde, die Anzahl der Patient*innen von 96173 auf 80953 und die Anzahl der Verpflegstage von 521493 auf 456325 gesunken ist. Die Anzahl der Pflegekräfte ist zwar im gleichen Zeitraum von 2275 auf 2407 gestiegen, aber gleichzeitig ist im Sanatorium Kettenbrücke das Pflegepersonal deutlich stärker aufgestockt worden, und zwar von 123 auf 177. Dort nimmt die Anzahl der Patient*innen im selben Zeitraum von 5289 auf 7356 deutlich zu. Der Trend vom öffentlichen Spital zum Privatspital ist Zeichen der fortschreitenden Ausdifferenzierung einer Zwei-Klassen-Medizin. Zudem ist festzuhalten, dass es auch in öffentlichen Spitälern Sonderklassepatient*innen gibt und daher der Zuwachs an Personal in der Klinik nicht ausschließlich der breiten Masse der Versicherten zugute kommt. Patient*innen erleben tatsächlich eher eine Abnahme der Qualität der Gesundheitsversorgung auf der Klinik, die sich in überlangen Wartezeiten oder gar dem „Vergessen“ von Patient*innen in den Warteräumen ausdrückt. Hinzu kommt, dass auch das reguläre Gesundheitssystem keineswegs kostenlos ist. Kassenpatient*innen, die nicht von den Rezeptgebühren befreit sind, müssen für die stationäre Aufnahme pro Tag 12,37 Euro bezahlen. Der jährliche Gesamtbeitrag ist zwar auf 28 Verpflegstage gedeckelt, aber ein langer Krankenhausaufenthalt ist für Haushalte, deren Einkommen gerade knapp über den Grenzen für die Rezeptgebührenbefreiung liegt, eine große finanzielle Belastung.

Neben der diskutierten Verkürzung der Ruhezeiten für Spitalsärzt*innen ist auch die bereits beschlossene Sonderklassenambulanz ein Anschlag auf das solidarische Gesundheitssystem. Die Engpässe werden sich durch die geplanten und bereits beschlossenen Maßnahmen weiter verschärfen. Dabei ist dies durchaus politisch gewollt. Schließlich wird ein Lenkungseffekt zu den niedergelassenen Ärzt*innen angestrebt.

Das Bestreben, die Spitäler zu entlasten, erscheint zunächst begrüßenswert. Doch ein solcher Lenkungseffekt ist durch der Ausbau der wohnortnahen Infrastruktur zu erzielen und dafür muss Geld in die Hand genommen werden. Der Kassenärzt*innenmangel ist erheblich. Besonders gravierend ist er im fachärztlichen Bereich. So gibt es in Innsbruck laut der Statistik vom Februar 2018 exakt 37 Gynäkolog*innen. Davon sind 20 männlich und 17 weiblich. Von diesen 37 Frauenärzt*innen haben 14 einen Kassenvertrag mit irgendeiner Krankenkasse. Soweit so schlecht. Wer über Docfinder nach Gynäkolog*innen in der Stadt sucht, ist verblüfft, über das was die Statistik der Stadt Innsbruck nicht verrät: Nur acht Gynäkolog*innen haben einen Kassenvertrag mit der Tiroler Gebietskrankenkasse und nur zwei davon sind weiblich. Dieser Umstand ist schon seit langem bekannt. Die Ordinationen der beiden Frauenärztinnen sind gesteckt voll. Sie können den Bedarf nicht decken. Eine Frau, die über die Gebietskrankenkasse versichert ist, muss in Innsbruck entweder auf das Glück hoffen, bei einer der beiden Frauenärztinnen einen Termin zu bekommen, zu einem männlichen Gynäkologen gehen, oder tief in die Geldtasche greifen. Frauen, die auf einen barrierefreien Zugang angewiesen sind, stehen überhaupt nur Wahlärzt*innen zur Verfügung. In dieser Hinsicht ist das bestehende Gesundheitssystem alles andere als niederschwellig. Das Bewusstsein für die Notwendigkeit von barrierefreien Arztpraxen steckt offenkundig trotz Behindertengleichstellungsgesetz immer noch in den Kinderschuhen.

Wer also vor dem Hintergrund der teils extremen Mängel im extramuralen Bereich einfach bei der Finanzierung der Spitäler einsparen will, hat nicht das Wohl der Patient*innen im Sinn. Durch Einsparungen im Gesundheitsbereich werden die Menschen in den seltensten Fällen gesünder.

Die Politik ist dazu aufgerufen, wohnortnahe Primärversorgungszentren zu schaffen, in die auch Fachärzt*innen eingebunden sind, sodass dort über die Allgemeinmedizin hinaus auch eine weitergehende Versorgung möglich ist. Der niedergelassene Bereich sollte zudem in ein sozialraumorientiertes Gesamtkonzept eingebunden sein. Hier sind Stadtteilzentren ein guter Ort, wo auch Arztpraxen und Primärversorgungszentren angesiedelt sein sollten. Orte, die einen niederschwelligen Zugang zur Gesundheitsversorgung ermöglichen. Dies ist vor allem für Menschen mit Suchterkrankungen und psychischen Erkrankungen wichtig.

Der Mangel an Kassenärzt*innen ist gravierend. Hier ist die Politik dringend aufgerufen, jungen Mediziner*innen, die Praxen mit Kassenverträgen gründen wollen, unter die Arme zu greifen. Denn die Anwort auf den Nachwuchsmangel kann nicht darin liegen, dass Kassenärzt*innen bis zum 100sten Geburtstag ihren Beruf ausüben. In Deutschland wird dies bereits durch Förderstipendien für Jungärzt*innen, die sich für mehrere Jahre verpflichten, als Landärzt*innen tätig zu sein. Damit wurden gute Erfahrungen gemacht. Auch hierzulande wäre das sinnvoll und könnte kurzfristig vom Tiroler Gesundheitsfonds angestoßen werden. Finanzierbar wären solche speziellen Förderungen mittel- und langfristig durch eine Abgabe, die Wahlärzt*innen zu leisten hätten. Dadurch ließe sich der gewünschte Lenkungseffekt innerhalb der Ärzt*innenschaft erzielen.

Das bisherige österreichische Gesundheitssystem zeichnet sich trotz einiger gravierender Mängel durch eine große Versorgungssicherheit für breite Teile der Bevölkerung aus. Statt es zu zerschlagen, wie es die aktuelle Bundesregierung vorhat, müssten die Lücken geschlossen werden, die es hat, und Kostenfallen für Patient*innen behoben werden. Die Abschaffung der Rezeptgebühren und der Verpflegstagsbeiträge in den Spitälern ist leicht realisierbar, wenn die Höchstbeiträge in den Sozialversicherungen angehoben werden oder sämtliche Beitragsobergrenzen abgeschafft werden. Spitzenverdiener*innen sollen mindestens den gleichen Anteil des Einkommens an das Sozial- und Gesundheitssystem entrichten wie Normalverdiener*innen. Gleichzeitig muss sichergestellt werden, dass alle Menschen in Österreich vollen Versicherungsschutz genießen. Es darf nicht sein, dass irgendjemand durch das soziale Netz fällt. All das lässt sich mit einer angemessenen Besteuerung von Spitzeneinkommen problemlos finanzieren. Auch die Außenstände von ausländischen Patient*innen in den Spitälern wären in einer solidarischen Finanzierung des Gesundheitssystems kein gravierendes Problem.

Das Räderwerk des österreichischen Gesundheitssystems ist komplex und die Stadt Innsbruck hat auf diesem Gebiet nur kleine Schräubchen zu drehen. Aber sie kann Zeichen setzen, um deutlich zu machen, dass ihr eine niederschwellige Gesundheitsversorgung für alle ein grundlegendes Anliegen ist, und folgende Maßnahmen setzen:

– Sozialraumorientierung der Gesundheitsversorgung vorantreiben: durch bauliche Integration von Arztpraxen in neu entstehende Stadtteilzentren.

– Förderprogramm für junge Ärzt*innen, die einen Vertrag mit allen Kassen abschließen wollen: etwa durch besonders günstige Mietobjekte in kommunalem Eigentum, solange sie einen Vertrag mit allen Kassen haben. Besonders im Facharztbereich, wo der Mangel gravierend ist. Innsbruck muss in Kooperation mit der Tiroler Gebietskrankenkasse die Anzahl der kassenärztlichen Gynäkologinnen drastisch erhöhen.

– Barrierefreiheit in Arztpraxen forcieren: Das Angebot an barrierefrei zugänglichen Arztpraxen ist durch spezielle Fördermaßnahmen massiv zu erhöhen.

– Konsequente Unterstützung von Medcare: Das Projekt, das bereits von der Gebietskrankenkasse, dem Land Tirol und der Stadt Innsbruck finanziell unterstützt wird, muss breiter beworben und noch stärker gefördert werden, damit auch chronisch kranke Menschen besser therapiert werden können.

– Druck machen auf bessere Arbeitsbedingungen für Ärzt*innen und Pflegepersonal: In den Heimen der ISD kann die Stadt als 100% Eigentümerin die Arbeitsbedingungen der Bediensteten und den Betreuer*innenschlüssel festlegen. Bei der Klinik kann sie im Rahmen ihrer Beteiligung am Tiroler Gesundheitsfonds auf bestmögliche Arbeitsbedingungen des Klinikpersonals pochen.

– Niederschwellige Therapieangebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen und Suchterkrankungen ausbauen: Ergänzend dazu braucht es dringend einen Drogenkonsumraum in Innsbruck, um Drogentote zu verhindern.

Autor: Roland Steixner

https://www.tt.com/politik/landespolitik/14357515/das-land-nimmt-spitaeler-und-betten-ins-visier

https://www.tt.com/politik/landespolitik/15175451/84-mio-euro-von-gastpatienten-in-tirols-spitaelern-offen

https://www.meinbezirk.at/innsbruck/c-gesundheit/erfolge-des-tiroler-gesundheitsfonds_a3061767

https://www.innsbruck.gv.at/page.cfm?vpath=verwaltung/statistiken–zahlen/gesundheitswesen

https://www.meinbezirk.at/innsbruck/c-lokales/frauenaerzte-in-innsbruck-sind-teils-heillos-ueberfuellt_a2355861

https://www.docfinder.at/suche/frauenarzt/innsbruck?whatType=search_group&whereType=municipality&insurances%5B0%5D=GKK&insurances%5B1%5D=BVA&insurances%5B2%5D=VAEB&insurances%5B3%5D=SVA&insurances%5B4%5D=KFA&insurances%5B5%5D=SVB&tags%5B0%5D=barrier_free_entry&originalWhat=Frauenarzt+%28Gyn%C3%A4kologe%29

http://www.aektirol.at/barrierefreie-ordination

https://wien.orf.at/news/stories/2866191/

https://www.bizeps.or.at/barrierefreiheit-in-arztpraxen/

https://kurier.at/politik/inland/aerztemangel-ab-2019-verschaerft-diskussion-um-altersgrenze/400357642

https://www.tt.com/panorama/gesellschaft/15182722/medcare-die-etwas-andere-ordination

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