Gedanken zum Novemberprogrom 1938 – für echte Gedenkpolitik.

In der letzten Gemeinderatssitzung im November hat die Alternative Liste Innsbruck (ALI) einen Zusatzantrag zu Elisabeth Mayrs wichtiger Forderung nach Stolpersteinen eingereicht. Der Zusatzantrag wäre durchgegangen, wäre er nicht zu umfangreich gewesen. Deswegen hier eine Erklärung, weshalb wir ihn im Dezember als eigenständigen Antrag einreichen.

Die Novemberpogrome in Innsbruck am 9.11.1938 und 10.11

.1938 zählten zu den blutigsten Sanktionen gegen die jüdische Bevölkerung im damaligen deutsch Reich. An die 90 Täter der SS, der SA und der Gestappo drangen gewaltsam in 36 jüdische Wohnungen ein, verletzten, misshandelten und folterten 36 Jüd*innen, töten drei Männer und verprügelten einen weiteren Mann derart schwer, dass er seinen Verletzungen erlag. Zudem zerstörten sie Geschäfte und den jüdischen Betsaal. Es gab mehrere Selbstmorde in der Pogromnacht. Die Folgen für die jüdische Bevölkerung waren verheerend: die Schäden von 200.000 Reichsmark mussten die Jüd*innen selbst rückerstatten, zahlreichen Kindern wurde die Flucht nach England oder Palästina in den sogenannten Kindertransporten ermöglicht und viele flohen nach Wien – die erste Station auf dem Weg in die Vernichtungslager.

Um dieser Verbrechen adäquat zu gedenken, werden vier Stolpersteine nicht reichen. Der Antrag von Stadträtin Mag.a Elisabeth Mayr ist zu begrüßen, weil es damit auch in Innsbruck weitere physische Manifestationen des kulturellen Gedenkens an den zivilisatorischen Bruch der Shoah geben würde. Und es ist wichtig, darauf hinzuweisen. Fraglich bleibt, was der Unterschied zum bisherigen Gedenken – d.h. was der Unterschied zur Menorah am Landhausplatz sein soll, die auch an die vier Ermordeten in der Pogromnacht erinnert. Es besteht also die Gefahr der Verkürzung auf die vier Mordopfer.

Aus diesem Grund soll eine erweiterte Gedenkpolitik in Innsbruck her. Im Jahr 1995 wurde seitens der Universität Innsbruck eine wissenschaftliche Schulbroschüre als Begleitmaterial für Schulen vorgeschlagen. Diese wollen wir umgesetzt sehen. Die Stadt soll zudem Gedenktafeln an Gebäuden mit NS-Vergangenheit sowie an den Standorten der 36 überfallenen, jüdischen Wohnungen durch die SS in der Pogromnacht prüfen und umsetzen. Es ist eine adäquate Erinnerungspolitik jenseits der vorgeschlagenen Stolpersteinen zu schaffen, welche die bereits ausgeforschten 160 tirolweiten Opfer inkludiert. Eine Erweiterung der Erinnerungspolitik, die auch nicht-jüdische Opfer also Roma und Sinti, Homosexuelle, Euthanasie-Opfer, Intellektuelle, Religiöse und sogenannte “Asoziale” in den Fokus rückt, schlagen wir auch vor. Abschließend wollen wir einen geeigneteren Platz der Gedenktafel im Kaufhaus Tyrol. Schräg über dem Bankomaten ist diese nämlich kaum sichtbar.

Damit dieses „Nie wieder“ nicht nur ein bloßes Lippenbekenntnis bleibt, braucht es eine erweiterte Gedenkpolitik und das nicht nur im November und März. Gegen das Vergessen müssen wir angehen. Daher wollen wir von ALI für eine echte Gedenkpolitik einstehen.

Autor: Thomas Hörl

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